Weihnachten 1945 – Ein Buch der Erinnerungen by Claus Hinrich Casdorff


777777777777.png Author Claus Hinrich Casdorff
Isbn 9783423250283
File size 0.8MB
Year 1989
Pages 320
Language German
File format PDF
Category biography



 

Das Buch Weihnachten 1945 – Deutschland lag in Schutt und Asche. Viele Familien waren noch auseinandergerissen, Millionen von Frauen und Müttern warteten in banger Sorge auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Die Versorgung mit Lebensmitteln war katastrophal. Die Wohnungen konnten kaum geheizt werden, durch Ritzen und Spalten pfiff der Wind. Aber trotz allem war das Weihnachtsfest 1945 zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Fest des Friedens, ein Fest der Hoffnung. Welche Sorgen und Nöte, Hoffnungen und Erwartungen sie ganz persönlich in den Weihnachtsfeiertagen begleitet haben, schildern Kirchenführer, Politiker, Verleger, Künstler, Publizisten und Schriftsteller in diesem Buch. Der Herausgeber Claus Hinrich Casdorff, geboren am 6. August 1925, begann 1947 seine journalistische Laufbahn als politischer Redakteur beim NWDR, Hamburg; 1956 Chef vom Dienst der Hörfunk-Nachrichtenabteilung des WDR; 1972 Leiter der Programmgruppe Magazine im Fernsehen des WDR; 1977 stellvertretender Chefredakteur des WDR-Fernsehens und Leiter der Programmgruppe Innenpolitik/Fernsehen; 1982-1990 Chefredakteur der FS-Landesprogramme des WDR. Weihnachten 1945 Ein Buch der Erinnerungen Herausgegeben von Claus Hinrich Casdorff Deutscher Taschenbuch Verlag D Die Vorbemerkungen zu den einzelnen Beiträgen stammen vom Herausgeber. Ungekürzte Ausgabe Oktober 1989 5. Auflage September 1993 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München Alle Rechte vorbehalten Erstveröffentlichung: Königstein/Ts. 1981 Umschlaggestaltung: Celestino Piatti Gesamtherstellung: C. H. Beck’sche Buchdruckerei, Nördlingen Printed in Germany • isbn 3-423-25028-3 Inhalt Claus Hinrich Casdorff: Ein sehr persönliches Vorwort Heinrich Albertz: Celler Weihnachten Wolf Graf von Baudissin: Schmollende Götterdämmerung Klaus von Bismarck: Von Weihnachten zu Weihnachten Heinrich Böll: Hoffentlich kein Heldenlied Christine Brückner: Altgewordene Kinder des Dritten Reichs Fritz Brühl: Bilder aus einer verstörten Stadt Walter Dierks: Zwiespältige Erfahrungen Josef Ertl: Aufbruch aus der Stunde Null Heinz Friedrich: Versuch einer Erinnerung Martin Gregor-Dellin: Marginalien über kein Weihnachten Hildegard Hamm-Brücher: Weihnachts geschichte 1945 Joseph Kardinal Höffner: Neuer Aufbruch des Glaubens Walther Leisler Kiep: Gespräch über alle Grenzen Heinz Kühn: Heimkehr aus dem Exil Siegfried Lenz: Eine Art Bescherung Richard Löwenthal: »Denk’ ich an Deutschland« von England aus 10 20 26 36 58 68 74 94 104 116 134 140 150 156 168 178 184 Lola Müthel: Eine Schauspielerin in Deutschland Leonie Ossowski: Das Weihnachtsessen Klaus Piper: 1945. Einige Reflexionen, damals und heute Annemarie Renger: Die erste Friedensweihnacht – zur Zukunft entschlossen Luise Rinser: Von der Liebe zum Menschen Walter Scheel: Ohne Angst vor der Zukunft Franz Wördemann: Weihnachten 1945. Vergeblicher Versuch, einen Punkt zu vermessen Peter von Zahn: Weihnacht der Einsamen 192 198 208 222 230 238 242 262 Ein sehr persönliches Vorwort Weihnachten 1945, ein Buch der Erinnerungen, – was soll das eigentlich? Da schreiben zwei Dutzend Frauen und Männer untereinander, was sie am ersten Weihnachtsfest im Frieden und in relativer Freiheit nach vielen bitteren Jahren erlebt und erduldet haben, an was sie sich erfreuten und welche Gedanken sie in die Zukunft schickten. Aber warum nur: Die Anteilnahme am Schicksal anderer ist von jeher gering, Aufmerksamkeit ist nur zu verzeichnen, wenn Sensationen angeboten werden, wenn die Möglichkeit besteht, sich am Leid von Zeitgenossen zu ergötzen. Solche und ähnliche selbstquälerische Gedanken haben mich in den letzten Monaten immer wieder überfallen, als es galt, einen spontan übernommenen Auftrag auszuführen und zusammenzutragen, was prominente Weggefährten vor vielen Jahrzehnten empfunden haben, damals, als alles in Schutt und Asche lag, der Hunger sich eingenistet hatte, eine düstere Zukunft nur ganz gelegentlich durch einen dünnen Lichtstrahl aufgehellt wurde. Aber je länger die Arbeit dauerte, je größer die Zahl der Politiker, Kirchenführer, Schriftsteller, Verleger und Schauspieler wurde, die sich zur Mitwirkung entschließen konnten, je geringer wurden die Zweifel an dem Sinn eines solchen Unternehmens. Kein Manuskript, das nicht mit einer Überraschung aufwartete, das nicht unbekannte Seiten von Persönlichkeiten aufblätterte, denen im Volksmund gleichermaßen Herzenskälte wie seelische Wärme, Gewinnstreben wie Fürsorge für Hilfsbedürftige nachgesagt werden. Der eine schrieb auf dem grauen Papier der 10 Umweltschützer, der andere ließ von seinen Mitarbeitern in gestanzten Zeilen und auf feinsten Bogen die Gedanken festhalten, der dritte verzichtete auf jede Akkuratesse, der vierte schickte seinen Beitrag mit Brief und Siegel. Aber eines hatten alle Manuskripte gemeinsam: sie ließen das persönliche Erleben längst vergangener Tage so plastisch wieder wach werden, daß man es förmlich mit den Händen, mit dem Verstand, aber vor allem auch mit dem Herzen packen konnte. Das war mehr als die Aneinanderreihung recht zufälliger Erlebnisse und Gemütsstimmungen, nein, ein Stück Zeitgeschichte begann sich zu bündeln. So wurde aus einem Buch der Erinnerungen ein Lehrstück für die heutige Generation, oft spannend wie ein Kriminalfilm, manchmal von spröder Eindringlichkeit, häufig rührend wie ein Frauenroman. Auf jeden Fall aber reihte sich Aussage an Aussage von Menschen, die den Beweis dafür lieferten, daß sie in der Lage sind, eigene Erfahrungen in Ratschläge für andere umzumünzen. Deshalb sind die Kapitel in diesem Buch dazu angetan, bei den Älteren das Gedächtnis für eine längst vergessene Zeit zu schärfen, bei der Jugend Verständnis für viele bisher nicht greifbare Widersprüche zu wecken. Nicht jeder, den wir gebeten hatten, durch eigene Leistungen in diesem Sammelband zum Erfolg beizutragen, konnte sich zu einer solchen Hilfe entschließen. Die Absagen sprachen von Zeitnot, von eigenen schriftstellerischen Plänen, von mangelndem Erinnerungsvermögen, von der Weigerung, böse Zeiten Wiederaufleben zu lassen. Aber jedes Nein war zugleich ein Glückauf – das machte Mut, sich weiter im Lande umzuschauen. Und die Ernte, die schließlich eingefahren werden konnte, war reicher Lohn für gern übernommene 11 Mühe. Dafür sei denen Dank, die sich trotz beruflicher Überlastung und persönlicher Anspannung die Zeit abgerungen haben. Der Herausgeber dieses Buches war selbst Zeitgenosse des ersten Weihnachtsfestes nach dem Kriege. Und so will er sich nicht darauf beschränken, weiterzugeben, was andere damals gedacht und getan haben, sondern er will sich – wie sie – stellen. Denn der Appell an Dritte, die Jugend an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen, ist eine Verpflichtung, es genauso zu tun. Wir alle haben einiges wieder gutzumachen: Ich sehe sie noch vor mir, als sei es gestern gewesen, die kleine Familienrunde, die sich am Heiligen Abend des Jahres 1945 in Hamburg versammelte. Die ehrwürdige Großmutter, die während des Krieges in Deutschland ausgeharrt hatte, jetzt aber in ihrer Leidensfähigkeit so geschwächt war, daß sie die Heimkehr in ihre brasilianische Heimat mit letztem Elan betrieb. Die Mutter, die sich viele Kriegsjahre in der Sorge um ihren Sohn verzehrt hatte und jetzt immer noch kaum glauben konnte, daß der Junge wieder zu Hause war, zwar ausgezehrt und kränklich, aber immerhin mit heilen Knochen aus der Sowjetunion heimgekehrt. Und ich, ganze zwanzig Jahre alt, aber schon mit einem Bündel böser Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft beladen. Der Kanonenofen bollerte, Rauch durchzog in beißenden Schwaden die Wohnstube, der erste Festtagsbraten mundete wie Götterspeise, auch wenn er zäh wie Leder war. Ein ganzer Kasten voller Silberbestecke hatte bei seinem Einkauf den Besitzer gewechselt, ein Karton mit Porzellan war für ein Getränk eingetauscht worden, das sich Cognac nannte, aber wohl eher eine besonders primitive Ausgabe von Fruchtsaft war. Da saßen die drei 12 Generationen einer Hamburger Kaufmannsfamilie beieinander, glücklich, wieder vereint zu sein, aber zugleich voll banger Erwartung künftiger Zeiten, die nichts Gutes versprachen. Die Großmutter sorgte sich um ihr künftiges Leben in tropischer Hitze, die Mutter fragte sich, wie sie wohl in Zukunft ihre Familie annähernd satt bekommen sollte, der Sohn machte sich Gedanken über einen künftigen Beruf – mit dem Im- und Export, so wie es in Generationen die geradezu selbstverständliche Beschäftigung der Männer seiner Familie gewesen war, dürfte es auf keinen Fall mehr etwas werden. Doch alles wurde überstrahlt von der Gewißheit, daß das Schlimmste jetzt überstanden sei, daß Menschlichkeit und Güte, Liberalität und Nächstenliebe am Ende doch über das Böse triumphiert hatten. Und so hing ein jeder seinen Gedanken an traurigere Weihnachtsfeste in der Vergangenheit nach … Weihnachten 1942. Ich war kurz zuvor aus der Gestapohaft entlassen worden, ein Regime hatte sich nicht entblödet, Jünglinge von 16, 17 und 18 Jahren wegen staatsfeindlicher Äußerungen und Umtriebe einzusperren, sie zu prügeln und zu schinden, sogar mit dem Tode zu bedrohen. Und das alles nur, weil sie sich nicht mit nationalsozialistischer Propaganda abspeisen lassen wollten, weil sie Informationen sammelten, aus welcher ausländischen Quelle sie auch zu erlangen waren, weil sie dann auch weitergaben, was sie über die Kopfhörer ihrer Radios erfahren hatten. Das genügte offenbar, um einen nahezu perfekten Polizeistaat in Angst und Schrecken zu versetzen. Eine Handvoll Kinder gegen Tausende von Agenten der Geheimen Staatspolizei und schon triumphierte die Brutalität der Übermächtigen. Väterliche Fürsprache und viel 13 Glück hatten dazu geführt, daß ich nicht in ein Jugend-KZ abtransportiert, sondern mit der Auflage entlassen worden war, meine »tiefe Schuld« im soldatischen Kampf gegen die Feinde des Reiches abzutragen. Niemals, so mußte ich schriftlich bestätigen, würde ich Anspruch auf eine verantwortungsvolle Stellung im Hitler-Regime erheben, das Kainsmal wurde in die Akten für alle Zeiten aufgenommen, Register C, Schutzhäftling aus Zelle B 2/17. Doch im Spätherbst, ein paar Wochen vor Weihnachten, war die Gefangenschaft zu Ende, die Einberufung schon beschlossen, ein Siebzehnjähriger hatte seinen Geburtstag in der Haft begangen, den Heiligen Abend hockte er wie ein kleiner Junge hilfesuchend neben der Mutter, beide voller Angst, aber beide auch voller Zorn. In solchen Stunden wird Haß geboren. Wer das Herz einer Mutter so tief verletzt wie die NSHäscher, der hat sich den Anspruch auf Milde verscherzt. Daran mußte ich denken, als wir am ersten Weihnachtsfest nach dem Zusammenbruch von einer Zentnerlast erleichtert zusammensaßen. Aber auch die Erinnerungen an andere Tage wurden wieder lebendig. Weihnachten 1943. Aus dem entlassenen Gestapo-Häftling war ein deutscher Soldat geworden. Die Wehrmacht hatte den Krieger wider Willen in die Sowjetunion geschickt, den Untermenschen zu bekämpfen. Der erste Flaum kroch auf der Oberlippe entlang, der Umgangston sorgfältiger Internatserziehung war rüder Soldatensprache gewichen, Blut und Schweiß gehörten ebenso zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags wie die wachsende Begabung, sich blitzschnell zu verdrücken, wenn Vorgesetzte den von ihnen für sich selbst verschmähten Heldentod ihren Untergebenen zumuten wollten. 14 Aber – und das sei nicht verschwiegen, weil es unredlich wäre –, es gab damals auch einen Weihnachtsbrief an die Familie, in dem viel von der Pflicht die Rede war, das Vaterland zu schützen, die rote Flut abzuwehren. Die Umerziehung war an dem Jüngling nicht spurlos vorübergegangen. Wer gelernt hatte, daß er sich jeden Tag seiner Haut wehren muß, wenn er überleben will, der fragt nicht mehr nach der Schuld an diesem Krieg, der sieht in jedem Mann in anderer Uniform den Feind, der ihm an die Gurgel springen will. Doch die Besinnung setzt dann schnell wieder ein, so wie in den Weihnachtstagen des Jahres 43, als die Kälte durch Stiefel und Fußlappen kroch, der Schnaps den Verstand umnebelte, die amtlich bestellten Sprücheklopfer sich bei der Erfindung immer neuer Schmähreden und Aushalteparolen geradezu überschlugen und gleichzeitig eine gebeutelte Zivilbevölkerung in einem besetzten Land schlimmer zusammengepfercht dahinvegetieren mußte als die Pferde des bespannten Artillerie-Regiments. Daran mußte ich im trauten Familienkreis zwei Jahre später denken, daran, daß der schlimmste Feind des Menschen der Mensch ist. Das sollte sich dann auch bald bestätigen. Weihnachten 1944. Die Eroberer, die ausgezogen waren, ein Riesenreich zu unterwerfen, befanden sich auf der Flucht in Richtung Westen. Unter denen, die gerne mitgelaufen wären, aber das bittere Los der Gefangenschaft auf sich nehmen mußten, weil ihre verletzten Beine sie nicht mehr trugen, war auch ich. Nach schier endlosen Vernehmungen und Verhören, nach einem »Triumphmarsch« durch Moskau mit 80 000 anderen deutschen Kriegsgefangenen, dem Volk als lebende Beute vorgeführt, war ich in einem Lager an der Wolga ge15 landet, die Nummer 188, die Stadt: Tambow. Spezialist war ich geworden, behend im Umgang mit der Axt beim Bau von Wolgakähnen. Arbeit bei 40 Grad Kälte, Arbeit mit gefrorenem Holz, so daß Planken zersplitterten wie Zahnstocher, ernährt von ein paar hundert Gramm glitschigen Brotes und einer Wassersuppe, als Nachtlager drei übereinanderliegende Holzpritschen, Läuse, Wanzen, Krätze und Durchfall. Not, so sagt man, Not schmiedet Menschen zusammen, macht aus Nachbarn wirkliche Kameraden. Nichts anderes als ein Schmarren ist eine solche Behauptung. In der Not ist sich jeder selbst der Nächste, stiehlt dem Freund die Nahrung, zieht dem sterbenden Kumpel den Ehering vom Finger, weil er ihn gegen ein Häuflein Tabak eintauschen will. Das ist die Lehre aus der Gefangenschaft, ein wichtiges Kapitel ist mir damals Weihnachten 1944 beigebracht worden. Wir hatten Frauen als Wachpersonal, wohin sollten wir denn auch schon entweichen. Wir hatten einen sowjetischen Oberleutnant als Kommandanten unseres Außenkommandos, aber wir hatten auch deutsche Landsleute als Aufseher. Während wir von Kopf bis Fuß geschoren einherliefen, ließen sie sich die Haare wachsen, während wir uns gegen die Kälte jeden erreichbaren Lumpen auf den Körper banden, stolzierten sie in fabrikneuen Wattejacken einher, während wir vom Hunger gepeinigt wurden, schlugen sie sich die Bäuche voll –, wohlgemerkt mit der Verpflegung, die für alle bestimmt war. Das waren jene, die uns wieder einmal den Haß gelehrt haben. Und zum Weihnachtsfest hatten sie sich eine besondere Überraschung ausgedacht. Sie ließen uns wissen, daß die Genfer Konvention für Kriegsgefangene zwar Feiertagsruhe vorsehe, wir aber fürstlich belohnt würden, wenn wir trotzdem arbeiteten. Also 16 wurde malocht, die versprochene Sonderration Brot, Fett und Hirsebrei war zu verlockend. Nur als wir erwartungsvoll die Küchenbaracke umlagerten, um die zusätzliche Verpflegung in Empfang zu nehmen, gab es wiederum nur Wassersuppe und den üblichen Kanten Brot. Das, was die sowjetischen Wachleute aus ihrem Vorrat bereitgestellt hatten, war längst in den Mägen unserer deutschen Aufseher verschwunden. An dieses Gefühl der Ohnmacht, das uns damals befallen hatte, mußte ich denken, als ich dann ein Jahr später einen bescheidenen Braten aufschnitt. Jeder Fortschritt, und wenn er auch noch so gering ist, wird als Labsal empfunden. Der Mensch lernt sehr schnell, dankbar zu sein. So ist am Heiligen Abend des Jahres 1945 ein ganzes, wenn auch noch sehr kurzes Leben an mir vorbeigezogen. Seine Höhepunkte waren nicht gerade glänzend, ganz im Gegenteil, Angst und Not hatten immer wieder Glück und Zufriedenheit aus dem Rennen geschlagen. Aber es hatte mich auch zu der Überzeugung gebracht, daß ein Mann – natürlich auch wie jede Frau – viel mehr ertragen kann, als sich der Zweifler vorstellt. Nur eines darf nie verlorengehen: die Zuversicht, das Gottvertrauen. Wer sich selbst aufgibt, wer die Hoffnung fahren läßt, der zerbricht schnell, der ist unfähig, aus eigener Kraft für Besserung zu sorgen. Die Jahre nach dem Krieg haben bewiesen, wie viele Menschen es in Deutschland und anderswo gibt, die sich von solcher Einsicht tragen lassen, die Veränderungen zum Guten herbeiführen, wo alles im Sumpf zu ersticken droht. Weihnachten 1945. Für mich war es ein neuer Start. Claus Hinrich Casdorff 1981 17 Heinrich Albertz Millionen von Fernsehzuschauern waren Augenzeugen, als ein bebrillter, durch die äußerliche Erscheinung kaum beeindruckender Mann von der Gangway einer Lufthansa-Maschine freundlich winkte, bevor er einen Flug ins Ungewisse antrat. Heinrich Albertz, Pfarrer und Berliner Bürgermeister in vielen Jahren, hatte sein ganzes persönliches Prestige eingesetzt, um ein schreckliches Ende terroristischer Gewalttaten zu verhindern, die Freilassung von Geiseln durch die Freigabe von verblendeten jungen Menschen zu erreichen. Heinrich Albertz war ein Stadtoberhaupt, dessen Arbeit auch durch eigene Fehler nicht immer von Erfolg gekrönt wurde. Damals haben wir beide oft Schwierigkeiten gehabt, den anderen zu verstehen. Seine eigentliche Leistung begann viel später, sie reicht bis in den heutigen Tag. Wer kann mit dem gleichen Brustton der Überzeugung wie er behaupten, als alter Mann von der Jugend geschätzt zu werden? Die unruhigen Geister unserer Tage, die sich von allen verfemt und verleumdet sehen, in Heinrich Albertz haben sie einen ebenso verständnisvollen wie kritischen Freund. Wir könnten ein paar mehr von seiner Qualität gebrauchen. Ein Händedruck von ihm ist auch für uns, die wir zwischen den Generationen stehen, eine Auszeichnung. 19 Celler Weihnachten Zuerst wird man wohl die Stadt beschreiben müssen, in der ich mit meiner Frau und zwei kleinen Kindern – das dritte war noch nicht geboren und sollte erst Weihnachten 1946 unter unsäglichen Verhältnissen unter dem Weihnachtsbaum liegen – das erste Fest des Friedens gefeiert habe. Celle also – eine fast heil gebliebene Stadt. Nur um den Bahnhof herum hatte es einige Zerstörungen gegeben. Sonst war alles erhalten, die schönen Fachwerkhäuser, das Schloß und die erzkonservativen Bürger. Fast alle waren – wie überall sonst – Nazis gewesen, aber unter der Decke doch wohl eher welfisch gesinnte Zeitgenossen, die überlebt hatten und sich in ihrer heilgebliebenen Welt nun plötzlich, außer der britischen Besatzungsmacht und den aus dem KZ Bergen-Belsen freigelassenen Häftlingen – keiner hatte natürlich gewußt, daß es ein solches KZ gab – Tausenden von Flüchtlingen aus dem deutschen Osten gegenübersahen. Eben unter diesen entwurzelten heimatlos gewordenen Menschen, ohne jeden Besitz, arbeitete ich als ein sogenannter Flüchtlingspastor, dem man für diese Arbeit ein Büro und die notwendigsten technischen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt hatte. Zuerst war es ein Auftrag der Kirche. Bald kam ein Auftrag der Stadt Celle hinzu und so hing vor meiner Tür – furchtbar für alle Anhänger der Lehre von den zwei Reichen – ein Schild mit der Aufschrift: »Evangelischer Flüchtlingspastor Celle – Flüchtlingsamt der Stadt Celle«. Wir hausten im 2. Stock eines der schönsten Gebäude unmittelbar neben der Stadtkirche an der Stechbahn: in einem Zimmer, als Wohnung für die Frau und zwei 20

Author Claus Hinrich Casdorff Isbn 9783423250283 File size 0.8MB Year 1989 Pages 320 Language German File format PDF Category Biography Book Description: FacebookTwitterGoogle+TumblrDiggMySpaceShare Weihnachten 1945 – Deutschland lag in Schutt und Asche. Viele Familien waren noch auseinandergerissen, Millionen von Frauen und Müttern warteten in banger Sorge auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Kriegsgefangenschaft. Die Versorgung mit Lebensmitteln war katastrophal. Die Wohnungen konnten kaum geheizt werden, durch Ritzen und Spalten pfiff der Wind. Aber trotz allem war das Weihnachtsfest I945 zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Fest des Friedens, ein Fest der Hoffnung.     Download (0.8MB) Das Letzte Fest Des Alten Europa: Anna Sacher Und Ihr Hotel Und Im Wienerwald Stehen Noch Immer Die Bäume: Ein Jüdisches Familienschicksal Das Bordbuch: Leben Und Fahrten Des Entdeckers Der Neuen Welt 1492 Chili Im Blut: Mein Tanz Durchs Leben Spurensuche Eines Kriegskindes Load more posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *