Superkapitalismus: Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt by Jürgen Neubauer and Robert Reich


475a93fc56b9cf7.jpeg Author Jürgen Neubauer and Robert Reich
Isbn 9783593385679
File size 1.5MB
Year 2008
Pages 328
Language German
File format PDF
Category economics


 

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Superkapitalismus 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 Robert Reich ist Professor an der University of California und einer der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler der USA. Er war von 1993 bis 1997 Arbeitsminister unter Bill Clinton. Reich ist Autor mehrerer Bücher, darunter Die neue Weltwirtschaft (1993) und Goodbye, Mr. President (1998). 30 31 32 33 34 1 Robert Reich 2 3 4 Superkapitalismus 5 6 7 8 9 Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt 10 11 12 13 14 Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Campus Verlag Frankfurt / New York Die englischsprachige Ausgabe erschien 2007 unter dem Titel Supercapitalism. The Transformation of Business, Democracy, and Everyday Life. Copyright © 2007 by Robert B. Reich All rights reserved. Published in the United States by Alfred A. Knopf, a division of Random House, Inc., New York, and in Canada by Random House of Canada Limited, Toronto. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http: // dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-593-38567-9 19 20 21 22 23 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright © 2008. Alle deutschsprachigen Rechte bei Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main Umschlaggestaltung: Hißmann, Heilmann, Hamburg Satz: Campus Verlag, Frankfurt am Main Druck und Bindung: Ebner & Spiegel GmbH, Ulm Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier. Printed in Germany 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 Besuchen Sie uns im Internet: www.campus.de 34 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Im Gedächtnis an Mildred Reich 1 Inhalt 2 3 4 5 6 7 8 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 10 Vorwort zu deutschen Ausgabe 11 Einleitung: Das Paradox 12 13 14 15 Kapitel 1: Das Beinahe Goldene Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Kapitel 2: Der Weg zum Superkapitalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 16 17 18 19 20 21 Kapitel 3: Zwei Herzen in der Brust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Kapitel 4: Die überwältigte Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Kapitel 5: Politik auf Abwegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Kapitel 6: Ein Wegweiser für Bürger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 »Die Formen der Wirtschaftssysteme werden nicht von ideologischen Vorstellungen, sondern von den Forderungen der Technologie und Organisation geprägt.« John Kenneth Galbraith, Die moderne Industriegesellschaft 12 13 14 15 16 17 »Die wirtschaftliche Organisationsform, die unmittelbar für wirtschaftliche Freiheit sorgt, nämlich der Wettbewerbs-Kapitalismus, sorgt auch für politische Freiheit, da sie die wirtschaftliche Macht von der politischen Macht trennt und es beiden Mächten ermöglicht, sich gegenseitig zu neutralisieren.« Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 1 Vorwort zur deutschen Ausgabe 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Die Revolution in Wirtschaft, Demokratie und Alltag 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Ein Blick auf den Superkapitalismus der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermittelt Ihnen einen Eindruck davon, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. In den USA ist der Superkapitalismus am weitesten entwickelt, doch der Rest der Welt hat denselben Weg eingeschlagen. Von allen Industrienationen weisen die USA die größte Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand auf, doch die Einkommensschere geht auch in den anderen Nationen immer weiter auseinander, da Globalisierung und technologischer Wandel die Arbeitsmärkte weltweit spalten. Im Vergleich zu ihren Mitarbeitern verdienen US-Vorstandsvorsitzende mehr denn je, doch die Vorstandsvorsitzenden anderer Länder holen auf, da der Arbeitsmarkt für Topmanager immer globaler wird. Die Arbeitsplatzunsicherheit ist in den USA größer als in anderen Industrienationen, doch diese Entwicklung hat längst auch den Rest der Welt erfasst. Die USA verbrauchen weltweit die meisten Rohstoffe und sind der größte Umweltverschmutzer, doch der Abstand zu Ländern wie China, Indien und der Europäischen Union verringert sich. In den USA leiden mehr Menschen unter Übergewicht, doch auch hier holen andere Länder auf. Kritiker beschuldigen gern die USA für Fehlentwicklungen, sprechen von der »amerikanischen Krankheit« oder beklagen, dass die USA dem Rest der Welt »ihr System« aufzwängen. Doch das ist ein naives und gefährliches Missverständnis. Der wahre Schuldige 10      S u p e r k a p i t a l i s m u s ist der Superkapitalismus, ein immer stärker werdendes Wirtschaftssystem, in dem Verbraucher und Anleger immer mehr Macht haben und Arbeitnehmer und Bürger immer weniger. Dieser Superkapitalismus ist jedoch eine paradoxe Erscheinung, denn wir sind in der Regel nicht nur Arbeitnehmer und Bürger, sondern auch Verbraucher und in wachsendem Maße Anleger. Die Machtverschiebung von Arbeitnehmern und Bürgern zu Verbrauchern und Anlegern, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten, ist also auch eine Verschiebung in uns selbst und hat einen Wandel unserer Weltsicht, unserer Prioritäten, unseres Alltags und unserer gesamten Gesellschaft zur Folge. Immer häufiger sehen wir uns an erster Stelle als Verbraucher und Anleger und sind als solche unablässig auf der Suche nach den bestmöglichen Kaufangeboten und Anlagemöglichkeiten. Der Superkapitalismus hat unsere Spielräume als Verbraucher und Anleger radikal vergrößert und ermöglicht es uns, in aller Welt nach Schnäppchen zu suchen. Den Preis dafür bezahlen wir als Arbeitnehmer und Bürger. Unsere Arbeitsplätze und Löhne werden immer unsicherer, und wir sind immer weniger imstande, unsere Rolle als Bürger auszufüllen. In vielen Ländern der Welt ging dem Superkapitalismus ein Wirtschaftsmodell voraus, in dem Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie eine wie immer geartete Verbindung eingingen. In den USA nannte sich dieses Modell »demokratischer Kapitalismus«, in Deutschland war es die »soziale Marktwirtschaft«. Wie immer man dieses System nennen mag, es handelte sich um eine Mischung aus freier Marktwirtschaft, sozialer Absicherung und demokratischen Prozessen. Diese »Mischwirtschaften« waren enorm erfolgreich, sie ließen weite Teile der Bevölkerung am Wohlstand teilhaben und boten ihren Bürgern ein hohes Maß an Sicherheit. Doch dank der neuen Technologien haben Verbraucher und Anleger in den vergangenen Jahren eine geradezu grenzenlose Vielfalt neuer Wahlmöglichkeiten hinzugewonnen. Die Folge war 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 V o r w o r t       11 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 eine Stärkung der freien Märkte und eine Schwächung der sozialen Sicherungssysteme. Die Antwort kann nicht darin bestehen, den globalen Konzernen mehr »soziale Verantwortlichkeit« abzuverlangen oder zu erwarten, dass Nichtregierungsorganisationen einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz schaffen. Im Zeitalter des Superkapitalismus können es sich global agierende Konzerne gar nicht leisten, sozial verantwortlich zu handeln, da Kunden und Investoren anspruchsvoll sind und die Konkurrenz groß ist. Nichtregierungsorganisationen sind nützliche Einrichtungen, doch sie können kein Ersatz für demokratische Prozesse sein, in denen wir als Arbeitnehmer und Bürger die Vorstellungen unserer Gesellschaft formulieren. Wie ich auf den folgenden Seiten ausführen werde, muss die Antwort vielmehr darin bestehen, den Unternehmen so viel Spielraum im Konkurrenzkampf zu lassen, wie sie im Superkapitalismus benötigen, um uns als Verbraucher und Anleger auf diese Weise die bestmöglichen Angebote unterbreiten zu können. Doch sie muss auch darin bestehen, die Demokratie vor dem Superkapitalismus zu schützen und den Einfluss der Unternehmensgelder und der Lobbyisten einzuschränken, sei es in Washington, Brüssel, Berlin, Tokio, Peking, Seoul, New Delhi, Sydney oder an jedem anderen Ort, an dem die repräsentative Demokratie unsere Werte als Arbeitnehmer und Bürger zum Ausdruck bringt. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 1 2 3 Einleitung Das Paradox 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 Im März 1975 nahm Milton Friedman eine Einladung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet an, der rund 18 Monate zuvor die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende gestürzt hatte, und reiste nach Chile. Die US-Presse kritisierte Friedman für seine Reise, doch es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Wirtschaftswissenschaftler Pinochets Militärputsch guthieß. Er wollte vielmehr die chilenische Junta überzeugen, Reformen im Sinne der freien Marktwirtschaft durchzuführen, die Regulierung der Wirtschaft und die Auswüchse des Sozialstaats aus den Zeiten der Demokratie zurückzunehmen und sich dem Welthandel und den internationalen Investitionen zu öffnen. In einer Vortragsreihe, die er in Chile hielt, wiederholte Friedman seine Überzeugung, dass freie Märkte die notwendige Voraussetzung für politische Freiheit und stabile Demokratien sind. Pinochet hielt sich an Friedmans wirtschaftliche Ratschläge, doch er setzte seine brutale Diktatur noch weitere 15 Jahre lang fort. Die beiden Männer starben kurz nacheinander Ende 2006. * Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten gemeinhin als der beste Beweis für die Vorstellung, dass Kapitalismus und Demokratie Hand in Hand gehen.1 Doch seit Friedmans Chilereise ist das Verhältnis angespannter geworden: Die Marktwirtschaft hat gesiegt, doch die Demokratie ist geschwächt. Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befindet sich 14      S u p e r k a p i t a l i s m u s die Wirtschaft der Vereinigten Staaten im Aufschwung, trotz dreier Rezessionen. Verbraucher haben heute eine große Vielfalt neuer Produkte zur Auswahl, wie Computer, MP3-Player, Antidepressiva und Hybridfahrzeuge, um nur einige wenige zu nennen. Standardgüter und -dienstleistungen haben sich inflationsbereinigt verbilligt. Die Gesundheitsversorgung ist teurer geworden, doch USBürger leben heute im Durchschnitt fünfzehn Jahre länger als noch 1950, vor allem dank neuer Medikamente und medizinischer Apparate. Unternehmen wurden sehr viel effizienter und der Aktienmarkt explodierte regelrecht. Im Jahr 1975 stand der Aktienindex Dow Jones noch bei 600 Punkten, wo er sich lange mehr oder weniger unverändert gehalten hatte. Im Oktober 2006 durchbrach er die Marke von 12 000 Punkten und im April 2007 wurden erstmals 13 000 Punkte erreicht. Auch die Inflation ist seit Anfang der 80er Jahre weitgehend unter Kontrolle. Diese Erfolge wiederholten sich auch in anderen Ländern der Welt. Im Wettstreit mit dem Kommunismus hat der Kapitalismus die Oberhand behalten und sich nahezu über den gesamten Erdball ausgebreitet. Die meisten Nationen sind heute Teil eines einzigen, integrierten und globalen Handelssystems. Osteuropa ist mit dem kapitalistischen Europa verschmolzen und Russland entwickelt sich zu einer ernst zu nehmenden kapitalistischen Macht. China ist zwar offiziell weiterhin kommunistisch, doch in Wirklichkeit haben wir es inzwischen mit einem kapitalistischen Kraftwerk zu tun. Vermutlich würde kaum jemand dem Kapitalismus seinen Erfolg absprechen wollen. Allerdings weisen viele Beobachter zu Recht darauf hin, dass dieser Erfolg mit einer zunehmenden Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand einhergeht. Dazu kommen weitere Probleme wie die wachsende Arbeitsplatzunsicherheit und Umweltbedrohungen wie die Erderwärmung. Genau genommen sind diese Probleme jedoch nicht auf ein Versagen des Kapitalismus zurückzuführen. Die Aufgabe des Kapitalismus besteht darin, den Ku- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 E i n l e i t u n g : D a s P a r a d o x       15 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 chen zu vergrößern. Wie dieser Kuchen jedoch zwischen der Privatwirtschaft und der Allgemeinheit verteilt wird und ob davon beispielsweise private Computer oder staatliche Maßnahmen zur Luftreinhaltung finanziert werden, das entscheidet die Gesellschaft. Dies ist die Aufgabe der Demokratie. Demokratie bedeutet weit mehr als freie und gerechte Wahlen. Demokratie, so wie ich sie verstehe, ist ein System, das Dinge ermöglicht, wie sie nur die Gemeinschaft leisten kann: Spielregeln zu schaffen, die auf das Gemeinwohl abzielen. Diese Spielregeln können sich natürlich auch auf die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums auswirken. Regeln, die den Kuchen in gleiche Stücke aufteilen, verringern den individuellen Anreiz zu sparen, zu investieren und zu erneuern. Andere Regeln sind möglicherweise besser geeignet, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Die Demokratie sollte uns in die Lage versetzen, solche Abwägungen vorzunehmen und ein Gleichgewicht aus Wachstum und Gerechtigkeit herzustellen und andere gesellschaftliche Ziele zu formulieren. Doch die Demokratie hat heute Schwierigkeiten, diese grundlegenden Aufgaben wahrzunehmen. Mit zunehmender Ungleichverteilung wurden die Instrumente immer schwächer, mit denen die US-Gesellschaft diese einst abpufferte: etwa die progressive Besteuerung, ein funktionierendes staatliches Bildungssystem und starke Gewerkschaften. Mit zunehmender Arbeitsplatzunsicherheit wurde auch das System der sozialen Sicherung immer schwächer. Immer mehr Bürger haben keine Krankenversicherung. Die Vereinigten Staaten scheinen außerstande, die Maßnahmen einzuleiten, die zum Klimaschutz notwendig wären. Viele US-Bürger sind besorgt angesichts der Verrohtheit und Brutalität eines guten Teils der Gegenwartskultur und beklagen den Verlust der städtischen Gemeinschaft. In all diesen Punkten war die Demokratie nicht in der Lage, effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen oder auch nur eine Diskussion darüber anzustoßen, welcher Interessensausgleich und welche Opfer dazu erforderlich wären. Der Kapitalismus reagiert heute besser auf unsere individuellen 16      S u p e r k a p i t a l i s m u s Bedürfnisse als Verbraucher, doch die Demokratie reagiert schlechter auf unsere gemeinschaftlichen Bedürfnisse als Bürger. Es entsteht ein Gefühl der Machtlosigkeit, das in Umfragen immer deutlicher zum Ausdruck kommt. Im Jahr 1964 hatten nur 36 Prozent aller Bürger das Gefühl: »Den Politikern ist es egal, was Menschen wie ich denken.« Im Jahr 2000 waren es mehr als 60 Prozent. Im Jahr 1964 waren zwei Drittel der US-Bürger der Ansicht, die Regierung vertrete die Interessen aller Bürger, und nur 29 Prozent meinten, »die Regierung wird von wenigen Großinteressen bestimmt, die sich nur um ihre eigenen Belange kümmern«. Im Jahr 2000 hatte sich das Verhältnis beinahe umgekehrt.2 Warum ist der Kapitalismus so stark und die Demokratie so schwach geworden? Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen? Lässt sich die Demokratie wieder stärken, und wenn ja, wie? * Auch wenn eine Zusammenfassung immer die Gefahr der übermäßigen Vereinfachung birgt, möchte ich meine Argumentation an dieser Stelle grob umreißen. In den letzten Jahrzehnten hat sich Macht weg von den Bürgern hin zu Verbrauchern und Anlegern verschoben. Nach der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg standen die Wirtschaft und die Demokratie der Vereinigten Staaten gestärkt da. Das Land erlebte einen beispiellosen Wohlstand, an dem weite Teile der Bevölkerung teilhatten. Es war zwar kein Goldenes Zeitalter, denn Frauen und Minderheiten waren nach wie vor Bürger zweiter Klasse und die Kommunistenjagd fügte der Politik schweren Schaden zu. Doch sämtliche Einkommensgruppen und sozialen Klassen zählten zu den Gewinnern, die Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand verringerte sich, und es entstand eine sehr viel breitere Mittelschicht. Mit einiger Zeitverzögerung setzte dieselbe Entwicklung auch in Europa und Japan ein. Die meisten Bürger gaben an, Vertrauen in die Demokratie zu haben, während sie ihre neuen Eigenheime mit Geschirrspülmaschinen, Kühlschränken, Fernsehern und Stereoanla- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 E i n l e i t u n g : D a s P a r a d o x       17 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 gen einrichteten und ihre nagelneuen Straßenkreuzer in der Hauseinfahrt parkten. Kapitalismus und Demokratie schienen ein Tandem zu bilden und miteinander zu verschmelzen. Der demokratische Kapitalismus der USA wurde zum Modell für die Welt und zum historischen Gegenentwurf zum Sowjetkommunismus. Die Produktion von Gütern und Dienstleitungen war sehr viel berechenbarer und stabiler als heute. Vor allem konzentrierte sie sich auf eine überschaubare Anzahl von Großkonzernen. So gab es etwa auf dem Automobilsektor die drei Giganten General Motors (GM), Ford und Chrysler (die »großen Drei«). Um profitabel produzieren zu können, benötigten diese riesigen Unternehmen berechenbare Verhältnisse, Stabilität und eine weitgehende Abschaffung des Wettbewerbs. Sie waren außerdem auf eine motivierte Arbeiterschaft angewiesen, denn Streiks oder Ausstände hätten den reibungslosen Ablauf behindert, auf den diese Unternehmen angewiesen waren. Daher erklärten sich diese Konzerne bereit, ihre Arbeitnehmer, die vielfach nach Branchen in Gewerkschaften organisiert waren, in größerem Umfang an ihren Gewinnen teilhaben zu lassen. Diese Giganten spielten eine so große und wichtige Rolle in der amerikanischen Wirtschaft, dass sie auch auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen waren. Also handelten sie mit der Regierung aus, inwieweit die Gewinne des Wirtschaftswachstums verteilt werden sollten und wie Arbeitsplätze gesichert, Standortregionen unterstützt und schließlich auch die Umwelt geschützt werden konnten. Diese Einigungen wurden teils über staatliche Regulierungsbehörden erzielt, teils schlugen sie sich in der Gesetzgebung nieder. Manchmal wurden sie auch durch die Vermittlung von Vorstandsvorsitzenden erreicht, die seinerzeit oft eine staatsmännische Rolle wahrnahmen. Das Ergebnis war ein ungefährer Ausdruck dessen, was man seinerzeit unter dem Begriff Gemeinwohl verstand. Der Preis für dieses relativ stabile und gerechte System war eine Einschränkung der Wahlmöglichkeiten für Verbraucher und Anleger. Bessere Produkte oder Anlageformen waren kaum zu finden, 18      S u p e r k a p i t a l i s m u s größere Produktinnovationen waren rar. Die Heckflossen der Straßenkreuzer wurden immer länger, die Kühlergrille immer barocker und die Chromleisten immer breiter, doch unter der Motorhaube blieb alles beim Alten. Mein Vater war ein treuer Plymouth-Fahrer, doch er gab gern zu, dass es im Grunde keine Rolle spielte, welches Auto er fuhr. Auch Anleger verhielten sich eher passiv und wechselten ihre Anlagen nur selten. Es gab auch kaum einen Grund dafür, denn sämtliche Investitionen versprachen mehr oder minder dieselben bescheidenen Gewinne. Der Dow Jones Index dümpelte vor sich hin. Seit den 70er Jahren hat sich die Landschaft radikal verändert. Großkonzerne agierten sehr viel konkurrenzorientierter, globaler und innovativer. Es entstand etwas, das ich Superkapitalismus nenne. Von diesem Wandel haben wir als Verbraucher und Anleger sehr profitiert. Als Bürger haben wir jedoch an Boden verloren. Dieser Wandel begann, als die Technologien, die in den Rüstungsprogrammen des Kalten Krieges entwickelt worden waren, der zivilen Nutzung zugeführt wurden. Dies eröffnete Möglichkeiten für neue Wettbewerber im Transportwesen, in der Kommunikation, der Produktion und der Finanzierung. Damit wurde das stabile Produktionssystem aufgebrochen, was dazu führte, dass Unternehmen ab Ende der 70er Jahre immer stärker um Kunden und Anleger in Wettbewerb treten mussten. Die Kaufkraft der Verbraucher wurde durch Großmarktriesen wie Wal-Mart gestärkt, die ihre Marktstellung nutzten, um die Preise ihrer Zulieferer zu drücken. Die Macht der Anleger wurde durch große Renten- und Investitionsfonds gebündelt und gestärkt, was die Unternehmen zwang, höhere Gewinne zu erzielen. Das führte dazu, dass Verbraucher und Anleger mehr Auswahl hatten und bessere Angebote wahrnehmen konnten. Dagegen verschwanden die Einrichtungen, die zuvor über die Verteilung des Wohlstands gewacht und die Werte der Bürgergesellschaft geschützt hatten. Großkonzerne, die ganze Branchen beherrschten, verloren an Macht, und den Gewerkschaften liefen die Mitglieder 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 E i n l e i t u n g : D a s P a r a d o x       19 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 davon. Der Einfluss der Regulierungsbehörden wurde beschnitten. Vorstandsvorsitzende verloren ihre Rolle als staatsmännische Unternehmensführer. Der immer schärfere Wettbewerb der Unternehmen griff schließlich auch auf die Politik über: Die Politiker kümmerten sich immer weniger um die Städte und Gemeinden in ihren Wahlbezirken und immer mehr um das Sammeln von Wahlkampfspenden. Schwärme von Lobbyisten fielen über Washington und andere Hauptstädte der Welt her, um Gesetze zu bewirken, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafften (oder einen Nachteil abwendeten). Diese Interessenvertreter erhielten immer größeren Einfluss auf politische Entscheidungen. So kam es, dass der Superkapitalismus den demokratischen Kapitalismus verdrängte. Um die Hintergründe dieser Entwicklung zu verstehen und Möglichkeiten für eine Erneuerung der Demokratie zu erkennen, ist eine detaillierte Untersuchung der strukturellen Veränderungen innerhalb der politischen Ökonomie erforderlich. In den folgenden Kapiteln sollen verschiedene weitere Fragen geklärt werden, etwa warum Vorstandsvorsitzende zu Superstars werden konnten und warum dies früher nicht der Fall war. Warum Inflation heute eine geringere Bedrohung darstellt als vor drei oder vier Jahrzehnten. Oder warum Gesetzgebung zum Schutz vor Kartellen und Monopolen heute weniger wichtig ist. Außerdem gehe ich darauf ein, warum Washington und andere Hauptstädte heute von so viel mehr Lobbyisten und Unternehmensanwälten bevölkert werden als vor drei Jahrzehnten, obwohl es heute scheinbar sehr viel weniger Gründe dafür gibt (schließlich ist die Staatsquote am Bruttoinlandsprodukt zurückgegangen, die Macht der Regulierungsbehörden ist geschwunden, und die Gewerkschaften sind nur noch ein Schatten ihrer selbst). Ich untersuche, warum Politiker von Unternehmen Patriotismus einfordern, obwohl diese immer internationaler agieren müssen, wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen. Und warum immer mehr über die soziale Verantwortung von Unternehmen geredet wird, obwohl Unternehmen nie als soziale Einrichtungen gedacht waren und heute weniger denn je als solche fungieren können. 20      S u p e r k a p i t a l i s m u s Ich werde auch einige Scheinheiligkeiten erklären: Etwa, warum sich jemand einerseits über den Lohnverfall aufregen und gleichzeitig den besten Schnäppchen aus Indien oder China hinterherjagen kann. Warum jemand das Verschwinden der unabhängigen Einzelhändler und Ladengeschäfte in der Innenstadt beklagen und gleichzeitig in Megamärkten oder im Internet einkaufen kann. Warum sich jemand Sorgen um die Erderwärmung machen und ein spritfressendes SUV fahren kann. Und warum Politiker gern öffentlich mit dem Finger auf Vorstandsvorsitzende zeigen (zum Beispiel Vorstände von Energiekonzernen, die immense Gewinne erzielen, Vorstände der Tabakindustrie, die Jugendliche zum Rauchen verführen, oder Vorstände, deren High-Tech-Unternehmen in China die Menschenrechte mit Füßen treten) ohne Gesetze zu erlassen, die deren Aktivitäten einschränken würden. Schließlich ziehe ich einige möglicherweise überraschende Schlussfolgerungen – etwa die, dass eine Verschärfung der Grundsätze verantwortlicher Unternehmensführung (corporate governance) dazu führt, dass Unternehmen weniger sozial verantwortlich handeln. Ich zeige, warum die Forderung nach mehr Demokratie im Unternehmen eine Illusion ist. Warum die Besteuerung von Unternehmensgewinnen abgeschafft werden sollte. Warum Unternehmen nicht strafrechtlich verfolgt werden sollten. Und warum Aktionäre davor geschützt werden sollten, dass eine Aktiengesellschaft ohne ihre Zustimmung Geld für politische Zwecke ausgibt. Obwohl mein Hauptaugenmerk den Vereinigten Staaten gilt, haben die Veränderungen, die hierzulande stattgefunden haben, auch andernorts zu ähnlichen Veränderungen geführt. Auf der ganzen Welt haben die Menschen heute mehr Möglichkeiten, ihre Konsumbedürfnisse zu befriedigen und von Investitionen zu profitieren, doch auf der ganzen Welt geht diese neue Freiheit der Verbraucher und Anleger einher mit einer Einschränkung ihrer Möglichkeiten als Bürger. Auch in anderen Ländern fällt es Demokratien immer schwerer, einen neuen Begriff des Gemeinwohls zu finden und nach diesem zu handeln. Umfragen in Deutschland, Großbri- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34

Author Jürgen Neubauer and Robert Reich Isbn 9783593385679 File size 1.5MB Year 2008 Pages 328 Language German File format PDF Category Economics Book Description: FacebookTwitterGoogle+TumblrDiggMySpaceShare Früher gab es einfach nur Kapitalismus. Heute gibt es den Superkapitalismus. Unter dem Druck der globalen Konkurrenz und der Finanzmärkte haben die einzelnen Unternehmen an Macht verloren, hat die Wirtschaft insgesamt an Dynamik und Stärke gewonnen. Sie expandiert und nutzt alle Mittel, bemächtigt sich der Politik und gefährdet so die Demokratie. Dieser Konflikt steckt in jedem von uns.Wir sind Anleger und Verbraucher und als solche werden wir von der Wirtschaft gut bedient. Zugleich sind wir Bürger und spüren die Schwäche der von der Wirtschaft dominierten Politik. Robert Reich ruft dazu auf, unsere bürgerlichen Interessen wieder klar zu erkennen und den Superkapitalismus aus der Politik zu verbannen.     Download (1.5MB) Mehrwertiger Kapitalismus Von Rettern Und Rebellen: Ein Blick Hinter Die Kulissen Unserer Demokratie Inklusion und Exklusion im Kontext prekärer Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen Baukosten Bei Neu- Und Umbauten Evolutionäre Psychologie Load more posts

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