Marx global: Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965 by Jan Hoff


0040c2d6_medium.jpg Author Jan Hoff
Isbn 9783050046112
File size 26MB
Year 2009
Pages 345
Language German
File format PDF
Category economics



 

Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Jan Hoff Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965 Akademie Verlag Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des Berliner Vereins zur Förderung der MEGA-Edition e. V Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. D 188 ISBN 978-3-05-004611-2 © Akademie Verlag GmbH, Berlin 2009 Das eingesetzte Papier ist alterungsbeständig nach DIN/ISO 9706. Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden. Lektorat: Mischka Dammaschke Einbandgestaltung: Ingo Schefïler, Berlin Satz: Frank Hermenau, Kassel Druck: MB Medienhaus Berlin Bindung: BuchConcept, Calbe Printed in the Federal Republic of Germany Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Inhalt Vorwort 9 Einleitung 11 1. Die Entwicklung verschiedener an Marx orientierter Denkansätze im Spannungsfeld von Politik und Theorie von den 1960er Jahren bis heute 27 1.1. Der dogmatische Marxismus vor dem politischen und theoretischen Aufbruch ... 27 1.1.1. Der sowjetische Marxismus-Leninismus vor der Entstalinisierung 27 1.1.2. Ein kurzer Einblick in den Forschungsstand zum chinesischen Marxismus vor 1978 32 1.2. Der globale Aufschwung des Marxismus zur Anfangs- und Hochzeit politischer Emanzipationsbewegungen (ca. 1960/65-1977) 34 1.2.1. Westeuropa und die angelsächsische Welt 35 1.2.2. Lateinamerika und Asien 46 1.2.3. „Häretischer Marxismus" in Osteuropa 56 1.3. Von der Ausrufung der „Krise des Marxismus" bis zum Untergang des Marxismus als Massenideologie (ca. 1974-1990) 1.3.1. Europa und Nordamerika 1.3.2. Lateinamerika, Afrika und Asien 58 58 63 1.4. Die globale Situation nach dem Ende des Marxismus als Massenideologie (ca. 1990-2008) 69 2. Die Fortentwicklung der Marx-Debatte seit den 1960er Jahren. Ein Überblick 78 2.1. Westdeutschland 78 2.2. Japan 2.2.1. Die Situation vor 1945 2.2.2. Die Entfaltung der japanischen Debatte von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart 95 95 100 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 6 INHALT 2.3. Andere asiatische Länder 2.3.1. Südasien 2.3.2. Ostasien 117 117 120 2.4. Die ehemals sozialistischen Länder in Europa 2.4.1. Die Sowjetunion 2.4.2. Die DDR und andere ehemals sozialistische Länder in Europa 125 125 137 2.5. Italien, Frankreich und weitere westeuropäische Länder 2.5.1. Italien 2.5.2. Frankreich 2.5.3. Weitere westeuropäische Länder 143 143 154 163 2.6. Lateinamerika und Spanien 2.6.1. Lateinamerika 2.6.2. Spanien 167 167 180 2.7. Die angelsächsische Welt 182 Kritischer Exkurs zu Perry Andersons In the Tracks of Historical Materialism 196 3. Vertiefungen - Zentrale Diskurse innerhalb der deutschen und der internationalen Marx-Diskussion von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart 199 3.1. Gegenstandsverständnis und Werttheorie 3.1.1. Zum Gegenstandsverständnis der Kritik der politischen Ökonomie 3.1.2. Ein Blick auf die internationale Debatte zur Marxschen Werttheorie und insbesondere zu dessen Analyse der Wertform 3.1.3. Fazit 3.2. Die Problematik von Forschung und Darstellung in der Kritik der politischen Ökonomie 3.2.1. Ein „Mont Blanc" an Forschungsmaterial 3.2.2. Der Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten und das „Problem des Anfangs" in der Marxschen Darstellung 3.2.3. Das Verhältnis der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu Hegels Philosophie im Spiegel der internationalen Debatte 3.2.4. Fazit 3.3. Der 6-Bücher-Plan sowie das Konzept des „Kapital im allgemeinen" 3.3.1. Die Struktur der Kritik der politischen Ökonomie in sechs Büchern 3.3.2. Die Problematik des „Kapital im allgemeinen" 3.3.3. Fazit Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 201 201 209 220 221 221 227 238 252 253 253 266 275 INHALT 7 3.4. Krisentheorie bei und nach Marx 3.4.1. Interpretationsansätze zur Marxschen Krisentheorie 3.4.2. Einblick in die an Marx orientierte südkoreanische Krisendiskussion nach der Asienkrise von 1997 276 276 286 Exkurs zu Weltmarkt und Krise 290 3.4.3. Fazit 291 Zusammenfassung 293 Bibliographie 299 Personenverzeichnis 339 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Vorwort Die vorliegende Studie ist die aktuelle Fassung meiner Dissertationsschrift „Globalisierung der Kritik der politischen Ökonomie. Zur Entwicklung des internationalen MarxDiskurses von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart". Der Marxismus als umfassende Weltanschauung ist historisch überwunden. Doch der Marxsche Theorieansatz, den inneren Zusammenhang der ökonomischen Kategorien und Verhältnisse detailliert darzulegen und eine „Entzauberung" der „verkehrten Welt" der Ökonomie vorzunehmen, ist nach wie vor von großer theoretischer Bedeutung. Das Marxsche Ziel der theoretischen Erforschung und Darstellung des ökonomischen Bewegungsgesetzes der modernen bürgerlichen Gesellschaft bleibt aktuell. Insbesondere in den letzten 50 Jahren haben sich - international - Generationen von Wissenschaftlern mit den Marxschen Erkenntnissen beschäftigt. Dies in der historischen Entwicklung aufzuzeigen, ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit, die sich aus drei zentralen Kapiteln zusammensetzt. In Kapitel 1 ist die Entwicklung an Marx orientierter Denkansätze im Spannungsfeld von Politik und Theorie dargelegt. Kapitel 2 handelt von der Fortentwicklung der Marx-Rezeption und der an Marx orientierten kritischen Gesellschaftstheorie und gibt hierzu einen Überblick über die historische Entwicklung der Diskussion in den verschiedenen Weltregionen, besonders seit ca. 1965. Kapitel 3 schließlich behandelt vertiefend zentrale Diskurse innerhalb der nationalen und internationalen wissenschaftlichen Marx-Diskussion von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Die Arbeit wurde im Sommersemester 2008 vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin als Dissertation angenommen. Am 22. Dezember 2008 fand die Disputation statt. Mein besonderer Dank gilt meinem Erstgutachter Professor Dr. Wolfgang Wippermann und meinem Zweitgutachter Professor Dr. Frieder Otto Wolf, die mein Dissertationsprojekt am Friedrich-Meinecke-Institut mit wertvollen Hinweisen nachhaltig unterstützt und begleitet haben. Auch den Teilnehmern der wissenschaftlichen Kolloquien beider Professoren danke ich für fruchtbare Diskussionsbeiträge. Darüber hinaus gilt mein Dank Dr. Mischka Dammaschke, der sich als Lektor des Akademie Verlags sehr für meine Arbeit engagiert hat. Für wertvolle Unterstützung danke ich Dr. Michael Heinrich, Professor Dr. Rolf Hecker, Professor Dr. Thomas Sekine, Dr. José Maria Durán, Martin Birkner, Rafael Carrion und Ken Kubota. Nicht zuletzt danke ich dem Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e. V. für einen finanziellen Beitrag zur Buchveröffentlichung. Berlin, im April 2009 Jan Hoff Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 Einleitung Karl Marx verortete im ersten Kapital-Band das „Heimatsland der politischen Ökonomie" im „Westen von Europa". (MEGA2 II.6, S. 684, 683) Seiner eigenen Theorie - der Kritik der politischen Ökonomie - ordnete Marx ebenfalls einen relativ kleinen geographischen Raum zu. Zumindest geschah dies im Brief an Ferdinand Lassalle vom 12. November 1858, in dem Marx sich auf sein ökonomiekritisches Theorieprojekt als Beitrag zu einer Wissenschaft „im deutschen Sinn" bezog: „In Deinem Frankfurter Brief hattest Du mir nichts geschrieben von Deinem ökonomischen Werk. Was nun unsre Rivalität betrifft, so glaube ich nicht, dass in diesem Fach embarras de richesses für das deutsche Publikum existiert. In fact, die Ökonomie als Wissenschaft im deutschen Sinn ist erst zu machen, und nicht nur wir zwei, sondern ein Dutzend sind dazu nötig. " (MEW 29, S. 567)1 Und in der bekannten Rezension zur Marxschen Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) schrieb Friedrich Engels: „Während so Bürgerthum, Schulmeisterthum und Büreaukratie in Deutschland sich noch abmühten die ersten Elemente der englisch-französischen Oeconomie als unantastbare Dogmen auswendig zu lernen, und sich einigermaßen klar zu machen, trat die deutsche proletarische Partei auf. Ihr ganzes theoretisches Dasein ging hervor aus dem Studium der politischen Oeconomie, und von dem Augenblick ihres Auftretens datirt auch die wissenschaftliche, selbstständige, deutsche Oeconomie. Diese deutsche Oeconomie beruht wesentlich auf der materialistischen Auffassung der Geschichte, deren Grundzüge in der Vorrede des oben citierten Werks kurz dargelegt sind" (MEGA2 II.2, S. 247; Herv. im Original), womit Zur Kritik der politischen Ökonomie gemeint ist. Die Kritik der politischen Ökonomie wurde also von Marx als Beitrag zu einer ökonomischen Wissenschaft „im deutschen Sinn" und von Engels als „deutsche Ökonomie" betrachtet. Karl Marx und Friedrich Engels selbst ordneten der Kritik der politischen Ökonomie somit eindeutig ein nationales Epitheton zu. Die Marxsche Ökonomiekritik wurde allerdings über nationale, sprachliche und kontinentale Grenzen hinweg rezipiert, diskutiert und weiterentwickelt. Dieser Prozess fand im Zeitraum von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart in einer intensiveren Form statt als jemals zuvor. Man hat es hierbei mit einer Art Globalisierung auf dem Gebiet von 1 Was in der Marxschen Redeweise von der erst zu leistenden „Ökonomie als Wissenschaft im deutschen Sinn" alles mitschwingt - womöglich ein impliziter Bezug auf Hegel oder eventuell auf die Unterentwicklung der zeitgenössischen deutschen gegenüber der britischen Ökonomie - , sei dahingestellt. Die durch Marx vorgenommene nationale Zuordnung seines Theorieprojekts jedenfalls ist offensichtlich. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 12 EINLEITUNG Theorie und Wissenschaft zu tun. Zu berücksichtigen ist, dass in der vorliegenden Studie der Schwerpunkt eindeutig auf die Geschichte der internationalen Interpretation und Diskussion der „reifen" Kritik der politischen Ökonomie von Marx gelegt wird, nicht auf die internationale Editionsgeschichte des Marxschen Werks. Genauer gesagt handelt es sich beim Gegenstand der vorliegenden Arbeit um die internationale Rezeption der Kritik der politischen Ökonomie im Zeitraum von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Die Globalisierung der Marxschen Theorie setzte bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein. Zu diesem frühen Ausbreitungsprozess liegen inzwischen verschiedene Studien vor.2 Spätestens seit der Oktoberrevolution wurden auch verstärkt die Länder des „globalen Südens und Ostens" davon erfasst. Allerdings breitete sich die Marxsche Lehre häufig in einer durch die Marxismen der II. und der III. Internationale überformten Gestalt aus. Die 1960er und 70er Jahre stellen in der Geschichte der Globalisierung der Marxschen Theorie eine Zäsur dar, und dies sowohl aus politischen als auch aus theorieimmanenten Gründen. Erstens fand die neue „Globalisierungswelle" damals nach der Entstalinisierung in der Sowjetunion und im Vorfeld oder im Kontext der Herausbildung neuer emanzipatorischer und sozialrevolutionärer Bewegungen im Weltmaßstab statt. Zweitens wurde die in den 1960er Jahren begonnene neue Epoche der Globalisierung der Marxschen Theorie durch die Entstehung und Entwicklung eines innovativen und in dieser Qualität neuartigen theoretischen Potenzials in der Interpretation und Weiterentwicklung der Marxschen Ökonomiekritik begleitet. Dieser Prozess entwickelte (und entwickelt) sich in mehreren Weltgegenden fast gleichzeitig und bisweilen in Abhängigkeit voneinander, so dass sich ein kompliziertes Geflecht von gegenseitigen theoretischen Bezügen, von internationalem Theorietransfer und geistigem Austausch über den Globus erstreckt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat eine enorme Umwälzung der Bedingungen für eine wirkliche Globalisierung der Marxschen Theorie und der an sie anschließenden Diskussion stattgefunden. Nach der „Wende" von 1989/90 besserten sich die Möglichkeiten eines regen und offenen Gedankenaustausche von Wissenschaftlern aus Ost und West. Die zweite Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2), einst ein Projekt von Parteiinstituten in Ostberlin und Moskau, wird seit den 90er Jahren als ein stärker international ausgerichtetes Editionsprojekt (in „westlicher", „östlicher" und „fernöstlicher" Kooperation) weitergeführt. Die MEGA2 erschließt nicht nur auf hohem editionswissenschaftlichen Niveau bisher kaum bekannte Quellen u. a. zur Marxschen Ökonomiekritik und liefert somit der quellenorientierten Forschung neues Material, sondern verbindet auch die wissenschaftliche Arbeit zahlreicher Historiker, Sozial- und Politikwissenschaftler, Ökonomen und Editionswissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Kontinenten miteinander. Ebenfalls seit den 90er Jahren ermöglicht das Internet eine rasche weltweite Verbreitung aktueller Forschungsergebnisse und erleichtert die wissenschaftliche Kommunikation. 2 Siehe z. B. Anna W. Urojewa, „Das Kapital" eroberte sich den Erdball. Zur internationalen Verbreitung des Marxschen Hauptwerkes bis 1895, in:... unserer Partei einen Sieg erringen. Studien zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des „Kapitals" von Karl Marx, Berlin/Ost 1978, S. 180ff. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 13 EINLEITUNG Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine theoriegeschichtliche Arbeit, welche einige Aspekte des weiten und vielfältigen Feldes der internationalen Theoriebildungsprozesse im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik im Zeitraum von ca. 1965 bis in die Gegenwart untersucht. Mit dieser Schwerpunktsetzung auf die Zeit nach 1965 und mit der gleichzeitigen Fokussierung auf die spezifisch internationale und interkontinentale Dimension der theoretischen Entwicklungsprozesse im Anschluss an die Kritik der politischen Ökonomie schließt diese Arbeit - trotz der zahlreichen Ansätze zur Geschichtsschreibung des Marxismus - eine Forschungslücke. Warum ist ca. zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus" eine Studie von Relevanz und Aktualität, in der es darum geht, wie sich bestimmte Theorieströmungen in den letzten fünfzig Jahren weltweit entfalteten, die an die Ökonomiekritik von Karl Marx anknüpfen, sie interpretieren oder weiterentwickeln? Relevanz und Aktualität besitzt dieses Thema mindestens in doppelter Hinsicht. Erstens handelt es sich bei vielen in meiner Studie thematisierten Strömungen um Formen eines an Marx anknüpfenden Denkens, die nicht einer anachronistischen „Legitimationswissenschaft" im Sinne einer autoritären Parteidiktatur zuzurechnen sind, sondern - im Gegenteil - großenteils um Formen eines „dissidenten" Marxismus, der sich oftmals in Abgrenzung vom parteiorthodoxen Marxismus-Leninismus herausgebildet hat. Zweitens sind mit dem historischen Scheitern des „real existierenden Sozialismus" keineswegs die wichtigsten Aspekte der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie widerlegt, denn diese hatten nicht den Sozialismus, sondern den Kapitalismus zum Gegenstand. Eine theoriegeschichtliche Darstellung zur Erforschung der verschiedenen Deutungen und Interpretationsströmungen, die sich in den letzten Jahrzehnten zum Marxschen Projekt einer kritischen Kapitalismustheorie herausgebildet haben, ist nach wie vor von großer Bedeutung und Aktualität. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie soll im Folgenden als eine kritische Theorie begriffen werden, die auf die Erforschung der Struktur und der Bewegungsgesetze der modernen kapitalistischen Ökonomie ausgerichtet ist. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie kann auch als eine „kritische Theorie der kapitalistischen Gesellschaft" bezeichnet werden. Wenn in der vorliegenden Arbeit also die Geschichte der Globalisierung der Marxschen Theorie (oder weiter gefasst: des Marxismus) als kritischer Gesellschaftstheorie von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart untersucht wird, so ist damit bereits eine entscheidende Einschränkung des relevanten Themenfeldes in der Geschichte marxistischer Theoriebildung vorgenommen. Von der historischen Entwicklung des dialektischen Materialismus, des historischen Materialismus, der verschiedenen Ansätze „konkreter" marxistischer Historiographie sowie der marxistischen politischen Theorie (im engeren Sinn) wird hier abgesehen. Diese Aspekte werden in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt. Die Absetzung des Marxismus als kritischer Gesellschaftstheorie von den hier genannten Beschäftigungsfeldern marxistischer Theoriebildung ist selbst das Resultat eines historischen Entwicklungsprozesses. Andere Elemente, die über lange Zeit das Marxismusverständnis geprägt haben - wie etwa eine an den späten Engels anknüpfende „Dialektik der Natur" oder eine bestimmte deterministische Geschichtsauffassung, die im Anschluss an Marx und Engels konstruiert wurde - rückten in einem theoriegeschichtlichen Entwicklungsprozess gleichzeitig mit Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 14 EINLEITUNG dem wachsenden Interesse am Marxismus als kritischer Gesellschaftstheorie zumindest in Teilen der internationalen Marxismus-Rezeption immer mehr in den Hintergrund oder wurden zunehmend kritisch betrachtet. Wie der „Marxismus als kritische Gesellschaftstheorie" genauer charakterisiert werden kann, ist allerdings nicht vorab zu klären, sondern ergibt sich aus der Darstellung der theoriehistorischen Entwicklungsprozesse. Im scheinbaren Gegensatz zur beinahe globalen Entwicklung der an Marx anknüpfenden Theoriebildung blieb ein theoretischer Provinzialismus in der Geschichte des von Marx inspirierten Denkens ein bedauerliches Traditionsmerkmal der Theorierezeption. Dies gilt nicht zuletzt hinsichtlich der deutschen Diskussion. Gerade aufgrund dieses theoretischen Provinzialismus und der in dieser Hinsicht hierzulande zu füllenden Wissensund Forschungslücken ist die zu leistende Aufarbeitung der theoriegeschichtlichen Entwicklung, die in internationalem Maßstab seit den 1960er Jahren vor sich gegangen ist, insbesondere im deutschen Sprachraum von großer Bedeutung.3 Stefan Gandler schreibt in der Einleitung seiner umfangreichen Studie zu den an Marx anknüpfenden lateinamerikanischen Denkern Adolfo Sanchez Vazquez und Bolivar Echeverría etwas überspitzt und übertrieben, aber dennoch in die richtige Richtung weisend: „Während zum Beispiel in Mexiko jede theoretische Innovation' in Europa und den USA aufmerksam verfolgt und kommentiert wird, Übersetzungen sowohl erstellt als auch veröffentlicht und gelesen werden, stößt in Frankfurt am Main allein die Feststellung, dass in Mexiko zwei Philosophen leben, die zu lesen es sich lohnen könnte, bereits auf Ausrufe des Entzückens oder der Erschütterung - beides Ausdruck der gleichen behäbigen Selbstgefälligkeit."4 Tatsächlich ist in Deutschland nicht einfach nur geringes Wissen beispielsweise über die lateinamerikanische Theoriediskussion vorhanden, was ein durchaus zu behebendes bzw. abzuschwächendes Defizit wäre. Noch schwerer wiegt die mangelnde Offenheit und das Desinteresse gegenüber der lateinamerikanischen Debatte und deren Geschichte. Zu Gandlers Rede von den „Ausrufen des Entzückens" ist hinzuzufügen, dass eine euphorisch-unkritische Rezeption der Geschichte der Theoriebildungsprozesse des „globalen Südens und Ostens" genauso wenig weiterführend wäre wie die gegenwärtig weitgehend herrschende Indifferenz. Es würde sich dabei nur um die andere Seite der Medaille des theoretischen Provinzialismus handeln. Ein Beispiel fur theoretischen Provinzialismus - wiederum aus der deutschen Diskussion - enthält die wichtige Monographie Christoph Hennings zur Entwicklung philosophischen Denkens nach und im Anschluss an Marx. Henning begründet die Konzentration vorwiegend auf deutschsprachige Literatur damit, dass sich ein spezifisch auf 3 Immerhin wird in Deutschland mittlerweile die Problematik des Verhältnisses von Marx bzw. Marxismus und Interkulturalität in der Philosophie diskutiert. Marco Iorio kommt zu dem zwiespältigen Ergebnis, dass die „antiinterkulturalistischen Züge, die sich mit Blick auf Marx und sein Werk zweifelsfrei aufweisen lassen, [...] mit einer ganzen Reihe von Charakteristika, die durchaus auch auf einige interkulturalistische Spurenelemente hindeuten", kontrastieren (Marco Iorio, Karl Marx interkulturell gelesen, Nordhausen 2005, S. 110). 4 Stefan Gandler, Peripherer Marxismus. Kritische Theorie in Mexiko, Hamburg 1999, S. 16. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 15 EINLEITUNG die Philosophie zielender Ansatz eben speziell auf die deutschsprachige Diskussion beziehen müsse. Und zwar deshalb, weil die drei Quellen des Marxismus, von denen Lenin in seiner bekannten These von 1913 sprach (französischer Sozialismus, englische politische Ökonomie und deutsche Philosophie), nach Marx wieder in unterschiedliche Richtungen auseinander gedriftet seien. Die „dritte ,Quelle des Marxismus' war bereits für Lenin nicht einfach die Philosophie, sondern die deutsche Philosophie." Das „metaphysische Volk der Deutschen hat mit der Politik seine Probleme, und so wurde Marx in Deutschland bald wieder .geistig' gelesen, er wurde rephilosophiert,"5 Hennings Argumentation hinsichtlich der Konzentration speziell auf die deutschsprachige philosophische Diskussion bleibt zu hinterfragen. Ein entschieden philosophischer Zugang zur Kritik der politischen Ökonomie ist kein spezifisches (und schon gar kein ausschließliches) Charakteristikum der deutschen oder deutschsprachigen Debatte. Auf Anhieb kann in diesem Kontext auf Denker wie den Lateinamerikaner Enrique Dussel, den Briten Christopher Arthur oder den Russen Victor Vazjulin hingewiesen werden. Auf alle drei wird später zurückzukommen sein, zu Dussel ist jedoch hier schon vorwegzunehmen, dass sein origineller Zugang zum Marxschen Werk gerade aus der „peripheren", lateinamerikanischen (und dezidiert nicht-eurozentrischen) Perspektive der dortigen Philosophie der Befreiung erfolgt, d. h. zugleich aus einer spezifisch philosophischen und einer spezifisch lateinamerikanischen Perspektive. Einen exemplarischen Fall von Provinzialismus in Deutschland (und insbesondere im Westteil dieses Landes) liefert das Vorwort zu einer Festschrift für Helmut Reichelt, das von Personen aus dessen Schülerkreis verfasst wurde. 6 Zwar wird von ihnen die historische Entwicklung der von Hans-Georg Backhaus als „neue Marx-Lektüre" bezeichneten Interpretationsrichtung, welche in spezifischer Weise auf das Marxsche Gegenstands- und Methodenverständnis fokussiert, in einigen Punkten treffend nachgezeichnet, doch fallt spätestens auf den zweiten Blick auf, dass sie sich nicht bloß auf Deutschland, sondern - schlimmer noch - nur auf die ehemalige Bundesrepublik konzentrieren, und zwar mit einem eindeutigen lokalen Schwerpunkt: Frankfurt am Main. Dabei ist dies - unter dem Gesichtspunkt der rezeptionsgeschichtlichen Entwicklung der Neuen Marx-Lektüre - in sachlicher Hinsicht nicht zu rechtfertigen. Im Laufe meiner Studie kann ersichtlich werden, dass es durchaus angebracht ist, wichtige Theoretiker „aus aller Welt" gerade als Protagonisten einer Neuen Marx-Lektüre zu verstehen - und zwar in dem Sinn, dass ihre Interpretationsansätze denen des westdeutschen Diskurszusammenhangs um Hans-Georg Backhaus, Helmut Brentel, Michael Heinrich etc. in entscheidenden Aspekten durchaus ähnlich sind. Mit der vorliegenden Studie soll der theoretische Provinzialismus überwunden werden. Es gilt, die internationale Entwicklungsgeschichte einer bestimmten Richtung des an die Marxsche Theorie anknüpfenden Denkens der letzten fünf Jahrzehnte darzustellen. 5 6 Christoph Henning, Philosophie nach Marx. 100 Jahre Marxrezeption und die normative Sozialphilosophie der Gegenwart in der Kritik, Bielefeld 2005, S. 22. Siehe Christine Kirchhoff, Hanno Pähl, Christoph Engemann, Judith Heckel, Lars Meyer, Zuvor, in: Christine Kirchhoff, Hanno Pähl, Christoph Engemann, Judith Heckel, Lars Meyer (Hg.), Gesellschaft als Verkehrung. Perspektiven einer neuen Marx-Lektüre, Freiburg/Br. 2004, S. 7ff. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 16 EINLEITUNG Allerdings erfordert diese Aufgabe eine kritische Selbstreflexion hinsichtlich der eigenen Kriterien, der Bewertungen sowie des eigenen Wissensstandes. Es handelt sich bei der vorliegenden Arbeit um eine „internationale Rezeptionsgeschichte". Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie aus einer spezifisch (west)deutschen Perspektive verfasst ist, nämlich durch einen Autor, dessen durch die westdeutsche Neue Marx-Lektüre gewonnene Sichtweise in diese Studie eingeflossen ist. Überdies ist mein Kenntnisstand der nicht-deutschsprachigen Debatten (und insbesondere der Debatten in - den mir unzugänglichen - asiatischen oder slawischen Sprachen) notwendigerweise begrenzt. Es liegen bereits mehrere ζ. T. sehr elaborierte Versuche einer Historisierung des Marxismus vor, in denen der spezifisch internationale Charakter marxistischer Theoriebildungsprozesse berücksichtigt ist. Es ließe sich aber auch aufzeigen, dass bei einigen hier aufgeführten Marxismushistorikern gerade der globale Aspekt der an Marx anknüpfenden Theorierezeption und Theoriebildungsprozesse noch besser hätte herausgearbeitet werden können. Ein wichtiges Werk zur Theoriegeschichte des Marxismus stammt vom jugoslawischen Philosophen Predrag Vranicki.7 Die erste Auflage seiner Geschichte des Marxismus von 1962 enthält die Entwicklung bis zum Ende der 1950er Jahre, während die zweite Auflage von 1970 auch die Entwicklung bis ins Jahr 1968 berücksichtigt. Der Autor entstammte dem Kreis der Praxis-Gruppe und ist somit als Vertreter eines gegenüber der sowjetischen Orthodoxie eigenständigen und spezifisch jugoslawischen Marxismus anzusehen. Vranicki stand der Strömung des humanistischen Marxismus nahe. Der erste Teil von Vranickis umfangreichem Werk behandelt Marx und Engels selbst, der zweite den Marxismus in der Epoche der I. und II. Internationale. Der dritte Teil ist Lenin gewidmet, der vierte dem Marxismus in der Periode der III. Internationale. Der fünfte Teil, der hier am meisten interessiert, bezieht sich auf den Marxismus der zeitgenössischen Periode. Hierunter subsumiert der jugoslawische Philosoph erstens den Marxismus im „sozialistischen Lager", zweitens den chinesischen Marxismus, drittens den Marxismus in der kapitalistischen Welt (insbesondere in Westdeutschland, Frankreich, Italien und den angelsächsischen Ländern), viertens schließlich den Marxismus in seinem eigenen Land. Vranickis umfassende theoriehistorische Arbeit ist als bedeutendes Standardwerk aus der Historiographie des Marxismus nicht wegzudenken. Doch in seiner Schlussüberlegung äußert sich Vranicki zum marxistischen Denken folgendermaßen: „Es entstand und entwickelte sich als Ausdruck der europäischen Kultur; und auf dem europäischen Boden hat es bisher seine größten und fruchtbarsten Siege errungen. Die übrigen Zentren der modernen Zivilisation [...] waren kein geeigneter Boden für weitere Entwicklungen eines so komplexen Denkens. Sei es wegen der historisch zurückgebliebenen Situation, sei es wegen des Fehlens bestimmter Kultur- und Denktraditionen: die übrigen Teile der Welt konnten bisher nur in den Perioden heftigster praktisch-revolutionärer Aktion zu dieser Entwicklung beitragen, und zwar insbesondere im Hinblick 7 Siehe Predrag Vranicki, Geschichte des Marxismus, 2 Bd., Frankfurt/M. 1985. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 17 EINLEITUNG auf die politisch-soziale Problematik und die revolutionäre Praxis." 8 Auf der Grundlage der hier vorzulegenden Forschungsergebnisse könnte nicht nur gezeigt werden, dass Vranickis Urteil mit Blick auf die Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts unangemessen wäre, sondern auch, dass dieses eurozentrische Verdikt des jugoslawischen Marxismushistorikers bereits hinsichtlich des in der zweiten Auflage seines Werks berücksichtigten Zeitraums bis 1968 für problematisch gehalten werden muss. Ein weiteres wichtiges Werk zur Geschichte des Marxismus stammt aus der Feder des exilpolnischen und nicht-marxistischen Philosophen und Ideenhistorikers Leszek Kolakowski und ist von diesem als ein Lehrbuch konzipiert. 9 Der erste Band umfasst hauptsächlich Marx und Engels sowie deren theoriegeschichtliche Verortung. Der zweite behandelt die Periode, die vom Marxismus der II. Internationale bis zum Leninismus reicht. Der dritte Band schließlich enthält die Entwicklung vom frühen sowjetischen Marxismus zum Marxismus-Leninismus der Nachkriegszeit, sowie die Marxismen von Gramsci, Lukacs, Korsch, Goldmann, von Vordenkern der Frankfurter Schule, von Marcuse und Bloch bis hin zu einem Überblick über die damals jüngsten Entwicklungen im Marxismus (dieser letzte Band, der die uns hier interessierende Periode berücksichtigt, stammt aus den Jahren 1975/76). Ähnlich wie Vranickis Arbeit weist auch Kolakowskis umfangreiches Standardwerk eurozentrische Züge auf. Die Namen von so bedeutenden lateinamerikanischen oder asiatischen Theoretikern wie Adolfo Sanchez Vazquez, Marta Harnecker, Hajime Kawakami, Kozo Uno oder Samezo Kuruma sucht man im Personenregister von Kolakowskis Werk vergeblich. Indes schreibt Kolakowski selbst zu Beginn des dritten Bandes: „Im vorliegenden Band wird die Geschichte der marxistischen Theorie während der letzten Jahrzehnte behandelt. Beim Schreiben ergaben sich besondere Schwierigkeiten, so zum Beispiel, dass es angesichts der ungeheuren Literatur, die niemand vollständig kennen kann, unmöglich ist, jedermann - wenn ich so sagen darf - gerecht zu werden." 10 Einer der wichtigsten Protagonisten der intellektuellen Neuen Linken in Großbritannien war in den 60er und 70er Jahren neben dem Historiker E. P. Thompson insbesondere Perry Anderson, und zwar nicht nur aufgrund dessen Herausgebertätigkeit für die New Left Review (bei dieser Zeitschrift handelte es sich einst um ein wichtiges Periodikum zur marxistischen Theorie). Insbesondere entfaltete sein im Buch Considerations on Western Marxism von 197611 niedergelegter Historisierungsversuch zu einem bestimmten Teilgebiet des marxistischen Denkens im 20. Jahrhundert auch über die Grenzen der angelsächsischen Welt hinaus eine relativ große Wirkung. Dies zeigt sich u. a. darin, dass Perry Anderson wesentlich zur internationalen Verbreitung des Begriffs „Westlicher Marxismus" (der allerdings schon vor seinem Buch vom französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty gebraucht wurde) beigetragen hat. Der Westliche 8 9 10 11 Ebd., S. 1071. Siehe Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus, Bd. 1, München, Zürich 1976, S. 11. Ebd., Bd. 3, München, Zürich 1978, S. 9. Siehe Perry Anderson, Über den westlichen Marxismus, Frankfurt/M. 1978. Zu Andersons Auseinandersetzung mit E. P. Thompson siehe Perry Anderson, Arguments within English Marxism, London 1980. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 18 EINLEITUNG Marxismus entstand Anderson zufolge mit Lukacs, Korsch und Gramsci ab den 1920er Jahren. Neben diesen Denkern werden u. a. die Hauptvertreter der Frankfurter Schule dieser Strömung des Marxismus zugerechnet. Dem Westlichen Marxismus ordnet Anderson u. a. das Merkmal der strukturellen Trennung von der politischen Praxis zu (seine „fundamentalste Eigenart"12), aber auch eine obsessive Beschäftigung mit Methodologie.13 Der Westliche Marxismus habe Marx' eigene Entwicklung in entgegengesetzter Richtung beschritten. Marx habe sich in seiner Entwicklung von der Philosophie weg- und zu Politik und Ökonomie hinbewegt, der Westliche Marxismus hingegen sei von Ökonomie und Politik immer mehr auf das Terrain der Philosophie zurückgekommen.14 Durch die theoretische und politische Heterogenität der in Andersons Studie dem Begriff „Westlicher Marxismus" subsumierten Denker ergibt sich allerdings ein Problem. Generell kann nämlich nach der Sinnhaftigkeit einer gemeinsamen Zuordnung von (teilweise auch in Bezug auf Andersons eigene Kriterien) so unterschiedlichen Denkern wie beispielsweise Adorno und Korsch zu letztlich ein und demselben MarxismusTypus gefragt werden. (Auf dieses Problem kann hier nicht näher eingegangen werden. Wenn in der vorliegenden Studie der Terminus „Westlicher Marxismus" verwendet wird, so geschieht dies - unter Vorbehalt - , weil er sich in der Forschung nach Anderson eingebürgert hat.) Gemäß Anderson haben sich mit dem Pariser Mai die Bedingungen fur eine marxistisch inspirierte Theoriebildung verändert. „Der Anbruch einer neuen Periode in der Geschichte der Arbeiterbewegung, die die lange, Theorie und Praxis voneinander trennende Unterbrechung der Klassenkämpfe beenden könnte, ist heute allerdings in Sicht. Die französische Revolte des Mai 68 bezeichnet in dieser Hinsicht einen entscheidenden Wendepunkt der Geschichte. Denn zum ersten Mal seit nahezu 50 Jahren kam es zu einer massiven revolutionären Erhebung innerhalb des fortgeschrittenen Kapitalismus [...]"' s Damit sind - gemäß Anderson - einer neuen Generation marxistischer Theoretiker neue Möglichkeiten eröffnet. Und dies gerade dahingehend, dass in der Theorieproduktion eine Prioritätsverschiebung weg von der Philosophie und hin zu den politischen und ökonomischen Themenfeldern stattfinden solle. Besonders hebt Anderson, der damals gewisse Sympathien fur den Trotzkismus hegte, die Rolle von trotzkistischen Intellektuellen wie Isaak Deutscher oder Roman Rosdolsky hervor - gewissermaßen als Alternative zum sog. Westlichen Marxismus. Anderson schreibt: „Der westliche Marxismus war [...] stets quasi magnetisch auf den offiziellen Kommunismus als einzige historische Verkörperung des internationalen Proletariats als revolutionärer Klasse fixiert. Nie hat er den Stalinismus vollständig akzeptiert, er hat ihn auch nie aktiv bekämpft. Aber welche Haltung die verschiedenen Denker ihm gegenüber auch einnahmen, für sie alle gab es außerhalb des Stalinismus kein anderes wirkliches Feld 12 13 14 15 Perry Anderson, Über den westlichen Marxismus, S. 50. Siehe ebd., S. 82. Siehe ebd., S. 81. Ebd., S. 139. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 19 EINLEITUNG sozialistischer Aktion." 16 Genau hier liegt nach Anderson ein wichtiger Unterschied des sog. Westlichen Marxismus gegenüber Leo Trotzki. (Doch Anderson hätte berücksichtigen können, dass Karl Korschs politisch-theoretische Opposition gegen den Bolschewismus bzw. Stalinismus diesem Schema durchaus widerspricht.) Andersons Grandauffassung von 1976 lässt sich folgendermaßen wiedergeben: Der sog. Westliche Marxismus soll gemäß Anderson von einer neuen Generation von Sozialisten keineswegs ignoriert werden. Stattdessen gelte es, mit ihm „abzurechnen". Von dieser Denktradition zu lernen, als auch sie zu überwinden, sei eine Grundbedingung für die Erneuerung marxistischen Denkens. Letztendlich sei auch die geographische Beschränktheit dieser zu überwindenden Tradition eine Ursache ihrer Schwäche. „Der Marxismus trachtet im Prinzip danach, eine universelle Wissenschaft zu sein, die bloß nationalen und kontinentalen Zuschreibungen nicht stärker unterworfen ist als jede andere objektive Realitätswahrnehmung." 17 Perry Anderson fokussiert in seiner Studie über den sog. Westlichen Marxismus in erster Linie auf Denker aus Kontinentaleuropa. Indes stellt sich die Frage, ob außereuropäische Denker wie beispielsweise Kazuo Fukumoto oder Adolfo Sanchez Vazquez nicht der Sache nach ebenfalls dem sog. Westlichen Marxismus zugerechnet werden könnten. Falls man diesen nach inhaltlichen Kriterien bestimmt (d. h. nicht nach geographischen), gäbe es m. E. Argumente, die dafür sprächen, diese Theoretiker in die Linie des sog. Westlichen Marxismus zu stellen. Beide Denker bleiben in Andersons Schrift leider unerwähnt. Elias José Palti schreibt, dass „en su repaso del marxismo occidental, Anderson no mencione ninguna coniente latinoamericana." 18 Eine 1983 erschienene Nachfolgepublikation Andersons - das Buch In the Tracks of Historical Materialism, auf das noch eingegangen wird - erweist sich als Negativhöhepunkt eines theoretischen Provinzialismus. In den Jahren 1978 bis 1982 erschien eine fünfbändige Geschichte des Marxismus in italienischer Sprache. 19 Dieses Projekt war sowohl mit Blick auf den Autorenkreis als auch in Bezug auf die thematische Bandbreite konsequent international ausgerichtet. Außer dem Marxismus in der Zeit von Marx, dem Marxismus der Zweiten sowie dem der Dritten Internationale wurde auch zeitgenössischen Entwicklungen auf dem Gebiet der marxistischen Theorie große Aufmerksamkeit geschenkt. Neben dem „offiziellen" sowie dem eher „häretischen" Marxismus in Osteuropa wurden nicht nur bedeutende westeuropäische Strömungen wie die Deila Volpe-Schule und die Althusser-Schule berücksichtigt, sondern auch außereuropäische Theorierichtungen wie beispielsweise die japanische Uno-Schule, die zu dieser Zeit außerhalb Japans nur Wenigen bekannt war. Dieses fünfbändige Projekt gewährt wichtige Einblicke in die Globalisierung der an Marx orientierten Theoriebildung bis ca. 1980, doch bleibt eine entsprechende Darstellung für den Zeitraum der letzten drei Jahrzehnte nach wie vor ein Desiderat. 16 Ebd., S. 140. 17 Ebd., S. 138. 18 Elias José Palti, Verdades y saberes del Marxismo. Reacciones de una tradición politica ante su „crisis", Buenos Aires 2005, S. 55. 19 Siehe Eric Hobsbawm u. a. (Hg.), Storia del Marxismo, 5 Bd., Turin 1978-1982. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19 20 EINLEITUNG Ansätze zu einer Geschichtsschreibung des internationalen Marxismus sind keineswegs nur in Europa zu finden. Wie aus Ausführungen des chinesischen Marxismusforschers Su Shaozhi (damals Repräsentant des Instituts für Marxismus-LeninismusMaoismus an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften) deutlich wird, setzte sich die chinesische Forschung in den 80er Jahren u. a. mit Vranicki sowie mit westlichen Marxismushistorikern auseinander und verfolgte das Vorhaben, eine eigene, chinesische Geschichtsschreibung des internationalen Marxismus auf den Weg zu bringen: „the proposal for writing and publishing a History of the Development of Marxism of several volumes by researchers of Marxism in our country through concerted effort is an important event for Chinese social scientists."20 Die hierbei einzunehmende Position formulierte Su Shaozhi folgendermaßen: „It is understood that to write a history of the development of Marxism it is necessary to take Marxism-Leninism and Mao Zedong Thought as the guide and to adhere to the proletarian stand of the Party."21 Allerdings ist zu betonen, dass Su Shaozhi selbst Protagonist einer Öffnung des chinesischen Marxismus in der Ära nach Mao Zedong war und das Institut für Marxismus-Leninismus-Maoismus in den 80er Jahren mit Kritik seitens ideologischer Dogmatiker und schließlich sogar mit staatlicher Repression konfrontiert war. Su Shaozhi steht gewissermaßen repräsentativ für die in den 80er Jahren zunächst ganz vorsichtig und nicht ohne Rückschläge erfolgte Öffnung des chinesischen Marxismus gegenüber der „ A u ß e n w e l t " des internationalen Marxismus. Mitte der 90er Jahre setzte sich der (west-)deutsche Sozialwissenschaftler Michael Krätke mit der Geschichte des Marxismus auseinander. Krätke unterschied vier historische Phasen: Die erste reichte von 1842 bis zu Marx' Todesjahr 1883, die zweite, die des „klassischen Marxismus", von 1883 bis zum Ersten Weltkrieg. Die dritte Phase charakterisierte Krätke folgendermaßen: „Mit der Oktoberrevolution und der Behauptung der Sowjetunion im Bürgerkrieg beginnt zwar nicht die Phase des .westlichen' Marxismus, aber die Phase der großen Spaltung in eine im Osten wie im Westen sehr präsente Partei- und Staatsideologie, den Marxismus-Leninismus, und eine Vielzahl von Marxismen, die mehr oder weniger lose mit der sozialistischen Arbeiterbewegung außerhalb der Sowjetunion verbunden sind, aber dort nicht länger die Rolle der offiziellen Organisationsdoktrin spielen."22 Diese geschichtliche Phase reiche bis zum Ende der 60er Jahre. Anschließend skizziert Krätke eine vierte, eine zeitgenössische Periode: die Phase eines spezifisch sozialwissenschaftlichen Marxismus im Anschluss an die Marx-Renaissance der 60er Jahre. Die MEGA2-Edition stelle eine „ständige Energiequelle" für diesen sozialwissenschaftlichen Marxismus dar. Allerdings fallt auf, dass sich Krätke in seiner theoriegeschichtlichen Darstellung von Denkströmungen seit den 60er Jahren vornehmlich auf Europa und Nordamerika bezieht und die Theorieentwicklung in Asien und Lateinamerika eher vernachlässigt wird. 20 Su Shaozhi, Some Questions Concerning the Writing of the History of the Development of Marxism, Peking 1985, S. 3. 21 Ebd., S. 3f. 22 Michael Krätke, Marxismus als Sozialwissenschaft, in: Frigga Haug, Michael Krätke (Hg.), Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Hamburg 1996, S. 82. Bereitgestellt von | New York University Bobst Library Technical Services Angemeldet Heruntergeladen am | 09.11.16 21:19

Author Jan Hoff Isbn 9783050046112 File size 26MB Year 2009 Pages 345 Language German File format PDF Category Economics Book Description: FacebookTwitterGoogle+TumblrDiggMySpaceShare In seiner Studie zeigt Jan Hoff, dass im Zuge der theoretischen Entdogmatisierung des Marxismus seit Mitte der 60er Jahre ebenso vielfältige wie fruchtbare Marx-Interpretationen und eine an der Marxschen Ökonomiekritik orientierte kritische Gesellschaftstheorie in zahlreichen Ländern der Welt ungeahnten Auftrieb erhielten. Insbesondere die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Entwürfen zum “Kapital” hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten beständig weiterentwickelt. In der Arbeit wird diese Globalisierung der Marx-Debatte, das komplexe Geflecht internationaler Theoriebezüge im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik, des Theorietransfers und der Herausbildung von Denkschulen über nationale und sprachliche Grenzen hinweg untersucht. Sie bricht mit dem theoretischen Provinzialismus insbesondere der deutschen Marx-Diskussion, der sich bislang hartnäckig halten konnte. Der Autor gibt einen Überblick über die Marx-Rezeption in verschiedenen Weltregionen, wobei die außereuropäische Theoriebildung – etwa die facettenreiche Marx-Debatte in Japan – besondere Aufmerksamkeit erfährt. Der Marxismus im Sinne einer umfassenden Weltanschauung ist inzwischen historisch überwunden. Doch der Marxsche Theorienansatz, den inneren Zusammenhang der ökonomischen Kategorien und Verhältnisse zu explizieren und dabei mit einer kritischen Fetischismus- und Mystifikationstheorie eine “Entzauberung” der “verkehrten Welt” der Ökonomie zu leisten, ist nach wie vor von Aktualität und theoretischer Bedeutung.     Download (26MB) Erleuchtung Durch Alkoholische Getränke Der Globale Minotaurus: Amerika Und Die Zukunft Der Weltwirtschaft Urbild und fotografischer Blick Die Sprache Des Geldes: Und Warum Wir Sie Nicht Verstehen (sollen) Die Ukraine – Machtvakuum Zwischen Russland Und Der Europäischen Union (auflage: 2) Load more posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *