Deutschland auf der Couch by Stephan Grünewald


5558227c93e5e53-261x361.jpeg Author Stephan Grünewald
Isbn 9783593379265
File size 5MB
Year 2006
Pages 234
Language German
File format PDF
Category economics



 

Deutschland auf der Couch Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer von rheingold, Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen. Der DiplomPsychologe ist zusätzlich ausgebildeter Psychotherapeut. In Fernsehen, Presse und Wirtschaft ist er ein gefragter Experte. Seit zwei Jahrzehnten erforscht der Autor zentrale Entwicklungen in Gesellschaft und Kultur und veröffentlichte zahlreiche Fachbeiträge zu den Themen Trends, Lebensalltag, Medienwirkung und zur Jugendkultur. Stephan Grünewald Deutschland auf der Couch Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft Campus Verlag Frankfurt / New York Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek. Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN-13: 978-3-593-37926-5 ISBN-10: 3-593-37926-0 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright © 2006 Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main Umschlaggestaltung: Büro Hamburg Umschlagmotiv: © Illustration: Stefanie Levers Druck und Bindung: Freiburger Graphische Betriebe Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier. Printed in Germany Besuchen Sie uns im Internet: www.campus.de 1 Inhalt 2 3 4 5 6 7 8 9 Einleitung ............................................. 7 1. Der Verlust der Leidenschaft – Die coole Gleichgültigkeit als Lebensprinzip . . . . . . . . . . . . 17 2. Viele Rollen und der Zwang zur Perfektion ............ 38 ................................. 62 20 Ratlos in einer Welt ohne Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 21 Die Suche nach dem Neubeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 10 11 12 13 14 15 16 17 18 3. Wohin geht die Reise? 19 22 23 4. Die deutsche Angst vor Visionen ....................... 92 24 25 26 27 5. Die unbewusste Ersatz-Religion – Der Traumvom Paradies auf Erden ..................... 102 6. Der Verlust des wirklichen Lebens ..................... 114 28 29 30 31 Das vertagte Leben – bald wird alles besser . . . . . . . . . . . . . . . . 114 32 Der zerstückelte Alltag – Tanz auf vielen Hochzeiten . . . . . . . 125 33 Das schicksalslose Leben – auf der Flucht vor Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 34 35 36 Das Schwinden der Alltagskompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 6 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h 7. Das simulierte Leben .................................. 156 Im Bann künstlicher Ekstasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Die kollektive Ruhigstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Stimmungstherapie als Sucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 8. Was uns immer noch blockiert – Im Teufelskreis der Stilllegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 9. Der Mut zum wirklichen Leben Dank ........................ 203 .................................................. 221 Anmerkungen ......................................... Literaturverzeichnis Bildnachweise 227 ................................... 227 ......................................... 230 Einleitung Leben wie im Hamsterrad – eine Gesellschaft in überdrehter Erstarrung Politiker, Ökonomen und Soziologen haben sich in der jüngsten Vergangenheit intensiv Gedanken gemacht, wie der Zustand Deutschlands zu beschreiben ist. Im Gespräch sind dabei die schwindende Bevölkerungszahl, die ökonomische Krise, die globalen Kräfteverschiebungen und die Bedrohungen, die davon für unser Land ausgehen. Selten geraten die Menschen ins Blickfeld. Man stellt lediglich fest, dass sie gerne jammern, verunsichert sind, zu wenig Initiative zeigen, die Lage zu verändern – das ist ärgerlich, aber auch wenig verwunderlich angesichts der oben beschriebenen großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Jeder einzelne weiß allerdings, dass damit nur ein Teil der Erklärung geliefert ist für dieses Unbehagen, das wir tagtäglich empfinden – für dieses Gefühl, rastlos dem Glück und den Anforderungen des Lebens hinterherzujagen und gleichzeitig nicht vom Fleck zu kommen. Die Welt dreht sich scheinbar immer schneller und dabei eröffnen sich immer mehr Schauplätze, neue Aufgaben und Anforderungen entstehen, denen man gleichzeitig gerecht werden muss. Wie in einem Hamsterrad: Man plagt sich Tag für Tag ab, fühlt sich immer atemloser und spürt dann irgendwann entgeistert, dass man sich nur im Kreis gedreht hat. Die gesamte Gesellschaft und nicht nur der Einzelne ist in den letzten Jahren in einen Zustand überdrehter Erstarrung geraten. Auch der erwartungsvolle Blick auf die Politik führt nicht aus dieser Lage heraus. Die Politiker, ganz gleich welcher Partei, liefern weder eine entschiedene Richtungsbestimmung, noch eine klare Zukunftsvision. Jeden 8 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h Sonntgabend kann man in der Polit-Talkshow Sabine Christiansen einen Tatort rotierender Richtungssuche und ständiger Schuldverschiebung besichtigen: Schuld sind mal die starren Gewerkschafter, mal die raffgierigen Vorstände, mal die wankelmütigen Menschen, mal die privilegierten Beamten. Die Kritik am ungebremsten Kapitalismus findet ebenso Beifall wie die Kritik an der Kapitalismuskritik. Dabei entsteht zwar Bewegung – wie beim Schunkeln mal nach links, mal nach rechts – , jedoch ohne wirklich von der zu Stelle kommen. Und viele schauen diesem Treiben Woche für Woche zu und hoffen insgeheim: Beim nächsten Ruck nach links oder rechts, spätestens beim nächsten Regierungswechsel, wird alles besser. Was ist das für eine Gesellschaft, die solch eine überdrehte Form des Stillstandes erzeugt? Wieso entwickeln die Jugendlichen keine revolutionären Zukunftsutopien mehr? Warum ist der Generationenkonflikt und damit der Motor gesellschaftlicher Weiterentwicklungen abgewürgt? Woran liegt es, dass in Deutschland seit Jahren Reformanstrengungen scheitern? Wieso fühlen sich die Menschen trotz dieses gesellschaftlichen Tatenstaus so ausgelaugt und erschöpft? Diese Fragen lassen sich nur durch einen längst überfälligen Perspektivwechsel in der gesellschaftlichen Selbstreflexion beantworten. Ein wirkliches Umdenken und ein neues Handeln können nur in Gang kommen, wenn man die psychologische Dimension unserer mitunter widersprüchlichen Ängste und Verhaltensweisen in den Blick rückt. Der psychologische Blick Als Psychologe, der seit zwei Jahrzehnten den Zustand unserer Kultur erforscht, erscheinen mir viele der bisherigen Betrachtungen über die Reforunwilligkeit unserer Gesellschaft als zu kurz gegriffen. Denn sie analysieren nicht konsequent die seelischen Bedingungen, die den gesellschaftlichen Stillstand produzieren. Erst eine tiefgreifende Analyse der psychologischen Verfassung unserer Gesellschaft schafft die Voraussetzung für einen Aufbruch aus dem derzeitigen Tatenstau. Dieses Buch soll durch den psychologischen Blick auf unsere Lebenswirklichkeit ein vertiefendes Verständnis der seelischen Mechanismen Einleitung 9 eröffnen, die nicht nur den Einzelnen, sondern die ganze Gesellschaft lahmlegen. Ich stütze mich dabei auf über 20 000 psychologische Tiefeninterviews, die das rheingold-Institut im Rahmen seiner Kultur-, Markt- und Medienforschung in den letzten Jahren durchgeführt hat. In Studien für Verlage, Fernsehsender, für die Industrie und für öffentliche Träger geht das Institut den psychologischen und oft unbewussten Hintergründen des Verhaltens von Zuschauern, Lesern, Wählern oder Verbrauchern nach. rheingold untersucht dabei die Lebenswirklichkeit der heutigen Jugendlichen, das Selbstbild der Männer und der Frauen in unserer Gesellschaft oder die seelischen Probleme, die mit dem Älterwerden und dem Übergang ins Seniorenalter verbunden sind. Die vielfältigen Auftragsstudien zum generellen Konsum-, Ernährungs- oder Medienverhalten der Bevölkerung habe ich ebenso in das Buch einbezogen, wie die regelmäßigen Studien zur Entwicklung des Kulturklimas rund um die Jahrtausendwende, die rheingold in Eigenregie durchführt und selbst finanziert. Der psychologische Blick erfordert in der Forschung einen unkonventionellen, das heißt intensiveren, teilnahmsvolleren und tieferen Zugang zu den Sehnsüchten und Ängsten, die unseren Alltag bewegen. Konventionelle Forschungsinstrumente wie Fragebögen oder standardisierte Interviews leisten diesen Zugang zum Menschen nicht. Sie sind Teil der gesellschaftlichen Stilllegung. Sie pressen den Menschen in vorgegebene Fragen und Antwortkategorien. Sie dienen dazu, möglichst schnell und effizient Meinungen oder Präferenzen in harten, aber nackten Zahlen auszudrücken. Dadurch beschränken sie aber den lebendigen Ausdrucksspielraum der Menschen. Das wirkliche Leben ist nicht so klar, eindimensional und glatt, wie es die Daten und Statistiken suggerieren. Es ist vielmehr bestimmt durch Widersprüche, durch Übergänge und Zwischentöne, und durch paradoxe Verhältnisse. Wenn wir bei rheingold sagen, dass wir die Menschen »auf die Couch legen«, steht das für einen anderen Weg, die Menschen in Deutschland zu verstehen: Ein Psychologe nimmt sich mindestens zwei Stunden Zeit für ein Tiefeninterview und tritt mit dem Befragten eine gemeinsame »Forschungsreise« an, bei der auch die peinlichen, unerwünschten oder unbewussten Wirkungskräfte beleuchtet werden, die unser Leben mit- 10 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h bestímmen. Dabei sitzen die Beteiligten zwar, aber es eröffnet sich wie beim Psychoanalytiker ein vertrauensvoller Raum, in dem die Menschen unzensiert alles zur Sprache bringen können, was sie bewegt und was ihnen zum jeweiligen Thema einfällt. Anfangs bewegen sich diese Einfälle natürlich immer auf einer eher oberflächlichen und rationalisierenden Ebene: Man präferiert eine Partei oder eine Marke aus Tradition oder weil sie den persönlichen Geschmack trifft. Man hat keine Probleme mit seiner Rolle als Mann, da man ja ein ganz normaler Mensch ist. Man putzt die Wohnung, weil man Wert auf Hygiene legt. Diese Ebene einfacher und sozial erwünschter Erklärungen lässt sich nur aufheben, an dem die Menschen immer wieder motiviert werden, ausführlich und minutiös ihren konkreten Lebensalltag zu beschreiben: Was war das für ein Tag, an dem man wie wild die Wohnung geputzt hat? Welche Bilder oder Stimmungen verbindet man mit einer Marke oder einer Partei? Wie sah die letzte Situation aus, in der man als Mann um eine Frau geworben hat? Der Psychologe übernimmt dabei den oft anstrengenden Part der Reiseleitung. Er hakt nicht einfach die Antwort ab, sondern er bewegt sich mit und lässt sich auf die oft dramatischen Schicksalswendungen oder befremdenden Alltagsprobleme ein, die im Interview ausgebreitet werden. Gleichzeitig versucht er von seinem psychologischen Konzept1 her, den Prozess des Interviews so zu intensivieren, dass die verdeckten Widersprüche und Spannungen zur Sprache kommen. Neben den konkreten Erzählungen achtet er dabei auch auf die Atmosphäre im Interview, auf die Gesprächsdynamik, auf Mimik oder Fehlleistungen. Das ermöglicht ihm, die geheime Logik und den tieferen Sinnzusammenhang besser hervorzuheben, der zwischen den Zeilen anklingt und mitschwingt. Ein gutes und produktives Tiefeninterview zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Psychologe anschließend ein anschauliches Bild vom Alltag seines Interviewpartners machen kann – ein Bild, das man beinahe riechen, schmecken und tasten kann und das die oft komischen und verrückten Abgründe des Alltags verstehbar macht. Der Interviewte wiederum hat nach einem guten Interview das verblüffende Gefühl, sich selbst auf die Schliche gekommen zu sein und das eigene Verhalten besser zu verstehen. erstellt von ciando Einleitung 11 In den zahlreichen Interviews, die meine Kollegen und ich in den letzten Jahren durchgeführt und analysiert haben, verdichten sich immer wieder zwei Erkenntnisse. Erstens: Erstaunlich viele Menschen kämpfen derzeit mit ähnlichen Grundproblemen. Egal ob Manager, Politiker, Arbeitnehmer, Mütter oder Studenten: Verschiedenste gesellschaftliche Gruppen beschreiben ein ähnliches Gefühl lähmender Orientierungslosigkeit, sprechen von diffusen Zwängen oder Zuständen hektischer Betriebsamkeit. Es macht daher auch wenig Sinn, bestimmte gesellschaftliche Gruppen als Symptomträger zu stigmatisieren oder sie zum Hauptschuldigen an der gesellschaftlichen Misere zu erklären. Ich betrachte die beschriebenen gesellschaftlichen Phänomene vielmehr als Ausdruck eines kollektiven, übergreifenden Wirkungszusammenhangs. Ganz wichtig dabei: Der Zustand der überdrehten Erstarrung, der aus psychologischer Sicht durchaus als eine gesellschaftliche Neurose verstanden werden kann, ist nicht wie eine Plage oder Krankheit über unsere Gesellschaft hereingebrochen. Wir haben ihn vielmehr – ohne es zu wissen und wirklich zu wollen – aktiv herbeigeführt. Wir haben uns im Laufe mehrerer Jahrzehnte und vor allem seit Beginn der neunziger Jahre systematisch stillgelegt und vom wirklichen Leben entfremdet. Diesen Verlust spüren wir jetzt deutlich und schmerzhaft. Der Traum vom Paradies und der Verrat der Entwicklung In den folgenden Kapiteln zeichne ich Schritt für Schritt den dramatischen Prozess nach, der in den heutigen Entwicklungsstillstand hineingeführt hat. Meine zentrale These: In den sicheren, satten und von unbeirrbarem Wachstumsoptimismus geprägten neunziger Jahren haben wir eine Idealvorstellung vom Leben entwickelt, die paradiesische Züge trägt. Das Leben schien ein nie endender Strom berauschender Glücksverheißungen zu sein, ständig bot sich die Möglichkeit, privat oder beruflich wieder neu anzufangen. Vitalität, jugendliche Schönheit, erotische Ausstrahlung sind genauso zum Sinnbild für Erfolg und Lebenssinn geworden, wie die materielle Rundumversorgtheit, ein ausgefülltes Freizeitleben und jährlich mehrere Urlaubsreisen. Der Glaube, dass 12 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h man das Paradies bereits auf Erden verwirklichen könnte, wurde zu einer unbewussten Ersatz-Religion, die unsere Haltung zum Leben radikal verändert hat. Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen das Leben ein Kreislauf mit zahlreichen Höhen und Tiefen ist. Das Leben sollte sich nicht mehr in einer festgelegten Schicksalsspur aufreiben, abnutzen und erschöpfen. An die Stelle dieses analogen Modells vom Leben ist ein neues Lebensideal getreten, das den Zugriff auf alle Lebensmöglichkeiten gewähren soll. Auf Knopfdruck soll mühelos jede verheißungsvolle Glücksoption angesteuert und endlos wiederholt werden können. Schmerz, Hinfälligkeit, Altern und Tod – das sollte im neuen Lebensideal nicht mehr vorkommen. Schicksal kann zu Einschränkungen führen; auch das sollte der Vergangenheit angehören. Die krumme Nase soll uns ebenso wenig den Alltag vermiesen, wie die schlechte Laune. Jeder physische oder psychische Zustand soll daher wieder rückgängig gemacht oder nach eigenem Gusto gesteuert werden können. Dieses Lebensideal markiert den innersten Kern des gesellschaftlichen Stillstandes. Denn: Eine Gesellschaft, die davon träumt, ewig jung zu sein, bleibt ewig unreif. Sie wandelt und entwickelt sich nicht mehr. Sie will auch keine Risiken mehr auf sich nehmen oder sich beherzt und leidenschaftlich den Unwägbarkeiten des Schicksals stellen. Das gleichgültige Leben ohne Leidenschaft und Lebensbilder Der vielleicht augenfälligste Ausdruck des neuen Lebensideals ist eine coole Gleichgültigkeit, mit der die Menschen heute der Welt begegnen. Das Leben hat in den letzten beiden Jahrzehnten an Sinnlichkeit und Leidenschaftlichkeit verloren. Man möchte sich aus der Unmittelbarkeit und Schmerzlichkeit des Lebensgetriebes herausziehen, um ein ungebundenes, springlebendiges, immer glückliches Leben zu führen. Am liebsten würde man das eigene Leben wie ein Fernsehspiel betrachten – aus einer distanzierten Beobachterposition, mit der Fernbedienung in der Hand. Alles, was einen beunruhigen, aufregen, ärgern oder packen könnte, wird weggezappt. Es gibt nicht nur dieses eine Programm, den Einleitung 13 einen Sinn, die eine Lebensaufgabe oder die eine Wahrheit. Alles ist letztendlich gleich gültig und gleichberechtigt und damit gleichermaßen wählbar oder abwählbar. Ein Vorteil der coolen Gleichgültigkeit könnte sein, dass der Mensch und die Gesellschaft flexibler und toleranter werden. Man ist nicht mehr auf einen Lebensentwurf, eine Ideologie oder einen Glauben festgelegt. Das ganze Leben ist entideologisiert und von den Fesseln der Moral, der Werte und der Dogmen befreit. Mit wem man lebt und wie man lebt, erscheint als eine rein persönliche Geschmacksfrage. Schmerz und Betroffenheit liegen hinter uns, eine Welt voller Wahlmöglichkeiten vor uns – kein Wunder, dass wir diesem Lebensideal nacheifern. Gleichzeitig zahlen wir einen hohen Preis: Der coole Mensch hat seine Leidenschaften abgelegt und damit seinen primären seelischen Antrieb abgewürgt: Für ihn gibt es kein gültiges Ziel und keine wirkliche Mission mehr, für die sich Einsatz, Opfer und Schmerzen lohnten. Er kommt nicht von der Stelle, sondern er rotiert in der endlosen Vielfalt gleich gültiger Glücksoptionen. Und dies fühlt sich paradoxerweise alles andere als cool an. Das Scheitern der Neuanfänge und die Visionstabuisierung In diesem überdrehten und überforderten Zustand wächst die Sehnsucht vieler Menschen nach einer verbindlichen Orientierung und Hierarchisierung des Lebens. Die Menschen stellen sich unbewusst die Frage, wie sie zu einer Leitlinie finden können, die eine klarere Ausrichtung in ihr Leben bringt. Sie wollen wissen, was wirklich wichtig ist und welche Sinnperspektive man den eigenen Kindern in der Erziehung vermitteln soll. Aber weder die Politik noch die Religion oder Philosophie können derzeit ein attraktives Leitbild oder eine Zukunftsvision zeichnen. Die Sehnsucht nach Neuanfang bleibt unerfüllt. Die Menschen spüren zwar aufgrund der sich verschärfenden gesellschaftlichen Krisen einen ungeheuren Veränderungsdruck, aber sie haben keine Vorstellung, wohin die Reise gehen soll. Ohne eine Vorstellung von der Zukunft klammert 14 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h man sich ganz selbstverständlich an bestehende Rechte, Versorgungsleistungen, Privilegien oder Subventionen. Der private Konsum wird ebenso eingeschränkt wie wirtschaftliche Investitionen. Die Gesellschaft befindet sich heute in einem Teufelskreis. Das packende visionäre Leitbild fehlt. Und wir tun uns auch viel schwerer als unsere europäischen Nachbarn, eines zu entwickeln oder uns für eines zu begeistern, denn nach verheerenden geschichtlichen Ereignissen haben die Deutschen Angst, dass eine begeisternde Vision oder Sinnrichtung wieder in blinde und vernichtende Besessenheit umschlagen könnte. Große Zukunftsentwürfe und die damit verbundene gemeinsame Aufbruchsstimmung werden als uncool und gefährlich erlebt. Sie widersprechen dem Prinzip der souveränen Gleichgültigkeit. Man fürchtet, dass sich ein deutsches Wirgefühl und eine nationale Kraftentfaltung wieder in blinden Nationalismus verkehren könnten. Stillstand mit Gewissheit ist daher eher zu ertragen als der Aufbruch ins Ungewisse. Wir ziehen es vor, mit blinder Beharrlichkeit an dem Traum vom Paradies auf Erden festzuhalten, obwohl er sich längst als eine uneinlösbare Illusion der neunziger Jahre entpuppt hat. Der Preis, den wir für das Festhalten bezahlen, heißt fortschreitender Verlust der Alltagskompetenz. Viele Menschen verlieren die Fähigkeit, Erfüllung im Lebensalltag zu finden. Kein Wunder: Gegenüber der Vorstellung einer Lebensspirale, die sich immer weiter nach oben dreht während wir gleichzeitig rundum versorgt sind, wirkt der normale Lebensalltag lediglich blass und grau. Auf der Couch des Psychologen wird immer wieder deutlich, wie sehr sich die Menschen insgeheim von ihrem Alltag betrogen fühlen und sich dadurch wieder selbst um die Glücksmöglichkeiten und den Reichtum des Alltags betrügen. Dem Alltag wird vorgeworfen, dass er eben nicht das Höchstmaß an Glück und Erfüllung beschert, das uns doch eigentlich zustünde. Die gärende Unzufriedenheit mit der alltäglichen Mühsal der Arbeit, der Erziehung, der Haushaltsführung oder Beziehungspflege führt dazu, dass das wirkliche Leben vertagt wird. Der Alltag wird nur lieblos und mit routiniertem Stakkato abgewickelt. Dabei liegt man ständig auf der Lauer und sehnt sich nach Erlösung und Erfüllung. Das wirkliche Leben scheint anderswo auf uns zu warten: am Wochenende, im Urlaub oder wenn wir in Rente sind. Einleitung 15 Das simulierte Leben und der Mensch als behindertes Kunstwerk Die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit, der spürbare Verlust von Sinn und Sinnlichkeit sind nur auszuhalten, indem wir uns – vor allem in der Freizeit – in einem simulierten Leben einrichten. Das Gefühl, bei hoher Drehzahl stillgelegt zu sein, lässt sich vergessen, wenn man im Kino oder zu Hause vor dem Fernseher an einem einzigen Abend zweimal die Welt rettet. Die Einschläge und Explosionen, die abendlich beim Actionfilm aus den wattstarken Lautsprechern dringen, vermitteln das Gefühl, das Grollen und Beben des Schicksals hautnah zu spüren. Fußball, Formel 1 oder die täglichen Börsenkurse werden nicht mehr nur als unterhaltsames Spiel, Sport oder Geschäft betrachtet. Sie werden zum dramaturgischen Lebenselixier und zur Schicksalsinfusion einer stillgelegten Gesellschaft. In einer fieberhaft anmutenden Besessenheit verfolgen die Fußball- oder Formel-1-Fans die Siege und die Niederlagen ihrer Helden. Die ganze Schicksalstiefe des Lebens ballt sich für sie in einem 90minütigen Drama zusammen. Anschließend kann man via Telefon, Internet oder Pay-TV auf Tastendruck auch noch sexuelle Entspannung finden. Für einen kleinen Moment kann man sich dem Gefühl hingeben, ein orgiastisches und sinnlich erfülltes Leben zu führen. Neben den Sexangeboten wächst aber auch die (Sehn-)Sucht nach Stimmungsdrogen. Das Fernsehen wird ebenso wie Drogen, Rauschmittel oder Alkohol immer häufiger dazu eingesetzt, sich genau in die Stimmung zu bringen, die den persönlichen Lebensalltag erträglich macht. Für einen Aufbruch aus diesem stillgelegten und entwirklichten Leben ist es allerdings noch nicht zu spät. Nicht nur bei der Jugend artikuliert sich immer stärker eine Sehnsucht nach einem greifbaren und für den Einzelnen verwirklichbaren Lebenssinn jenseits der Simulationen und der medialen Superstarträume. Quer durch die Generationen wächst die Bereitschaft, sich den seelenlosen Abstraktionen und bürokratisch-wirtschaftlichen Formalismen zu widersetzen, die das Leben so sinn- und inhaltsleer erscheinen lassen. Neue anarchische Formen der Kommunikation und Vernetzung entstehen, in denen unterschiedlichste Menschen bereit sind, sich wieder intensiv darüber 16 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h auszutauschen, was für sie das Leben wichtig macht. Bereits während der Flutkatastrophen hat sich gezeigt, wie groß die Bereitschaft zum Gemeinsinn und zu aktiver Mitgestaltung ist, wenn sie mit einer nachvollziehbaren Sinnstiftung verbunden ist. Das Abenteuer Alltag wird wieder als Herausforderung erlebt. Es erwacht die Lust, das kleine Einmaleins des Lebens einzuüben und Kochen, Streiten, Erziehen oder die Beschäftigung mit sich selbst (neu) zu erlernen. Den Mut zum wirklichen Leben können wir wieder erlangen, wenn wir die lebensfeindlichen Glücks-, Perfektions- und Coolnessansprüche unserer Kultur in Frage stellen und umgestalten. Wir – die Menschen und die Gesellschaft – sind weder gottgleich, noch vollkommen, sondern ein behindertes Kunstwerk: unerschöpflich in der Vielfalt unserer sich endlos wandelnden Lebensformen, aber doch eingeschränkt durch die ewigen Mächte des Schicksals und der Vergänglichkeit. Es geht nicht darum, die Moderne oder die Technik zu verteufeln, sondern darum auch in der Moderne unsere menschlichen Grenzen und unsere seelischen Existenzbedingungen zu akzeptieren. Von daher lade ich Sie mit diesem Buch zu einer psychologischen Forschungsreise in die abenteuerlichen und tragikomischen Gefilde unserer Lebenswirklichkeit ein. Wir werden Zug um Zug die Gründe und Hintergründe erkunden, die die Gesellschaft in den »neurotischen« Zustand der überdrehten Erstarrung hineingeführt haben. Dabei werden wir besser und tiefer verstehen, was uns und unsere Gesellschaft stillgelegt hat und wie wir wieder in Bewegung geraten und einen wirklicheren und erfüllteren Lebensalltag zurückgewinnen. Kapitel 1 D e r Ve r l u s t d e r L e i d e n s c h a f t Die coole Gleichgültigkeit als Lebensprinzip Die subtile Revolution der Jugend Manche Revolutionen sickern schleichend in unseren Lebensalltag ein. Wir bemerken sie erst gar nicht, und doch verändern sie unsere Wahrnehmung und unsere Haltung zur Welt. In den neunziger Jahren hat sich eine Lebenshaltung ausgebildet, die man als coole Gleichgültigkeit beschreiben kann. Diese ebenso coole wie gleichgültige Lebenshaltung hat die Art und Weise, wie wir heute uns und der Welt begegnen in einem weitaus größeren Maße revolutioniert als die Jugendbewegung der 68er. Das ist allerdings bislang nicht wirklich aufgefallen, weil die Umwälzungen der Neunziger-Jahre-Jugend äußerst subtil abliefen. Diese Jugendlichen waren ungemein virtuos in ihrer gesellschaftlichen Anpassung. Die Subversion dieser Generation spielte sich unter der wahrnehmbaren Oberfläche ab. Viel plastischer und greifbarer war hingegen die Studentenrevolte ein Vierteljahrhundert zuvor. Die Bilder von langhaarigen Jugendlichen, die parolierend und skandierend Straßen, Schulen, Universitäten und Kaufhäuser erstürmten, verletzten alle damaligen ästhetischen Konventionen. Die Straßenschlachten, Steinwürfe, umgekippte Autos, die vorrückenden Polizei-Hundertschaften und sich trotzig einhakende und vorpreschende Jugendliche haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt – auch weil diese ungestümen Bilder weitaus besser in unser Revolutions-Schema passen, als die subtilen Marotten der Neunzigerer-Jahre-Jugend. Der Reichtum an Bildern ist der tiefere Grund dafür, dass wir heute immer noch die 68er-Generation als einzige, vorbildliche und letzte Jugendbewegung sehen. Die Jugend der neunziger Jahre konnte und kann in keiner Weise mit 18 D e u t s c h l a n d au f d e r C o u c h vergleichbar packenden Bildern auf sich aufmerksam machen. Sie wirkt auf den ersten Blick eher angepasst und konventionell. Wir müssen daher tiefer in das seelische Getriebe dieser Generation blicken, um Anhalte für meine These zu finden, dass gerade diese unterschätzte Generation unsere Lebenshaltung so radikal revolutioniert hat. Als Massenphänomen ist uns in der Forschung die coole Gleichgültigkeit erstmals begegnet, als wir uns im Jahre 1994 in einer tiefenpsychologischen Studie mit der damaligen Jugend beschäftigt haben, die ich daher im Folgenden als 94er-Jugend bezeichnen werde. In den zweistündigen Interviews mit den damaligen Jugendlichen fiel auf, dass die jungen Leute kein explizites Feindbild hatten. Sie gaben sich meist sehr offen, tolerant und liberal. Auch die Eltern, vor allem die Väter oder auch die Lehrer, an denen sich die junge Generation sonst gerne reibt, kamen überraschend gut weg. Man begegnete den Älteren mit einem gütigen Verständnis und einer freundlichen Milde, die den im Generationskampf klassisch geschulten Psychologen seltsam fremd und unan- Die Protestaktionen der 68er-Bewegung waren an der Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens sichtbar. D e r Ve r l u s t d e r L e i d e n s c h a f t 19 gemessen vorkam. Es schien in den Familien oder Schulen keine grundsätzlichen ideologischen Konflikte, keinen erbitterten oder verbitterten Dissens über weltanschauliche Belange mehr zu geben. Beherrschte zwanzig oder fünfzehn Jahre zuvor noch die radikal andere Sicht auf politische Inhalte den Generationenstreit, so wurde jetzt ein ebenso friedliches, wie bequemes Einvernehmen zwischen den Generationen behauptet. Hinter dem offensichtlich friedlichen Einverständnis hatte sich jedoch eine subtile Art der Auseinandersetzung und der Abrechnung entwickelt, die mit der weichen Waffe des Witzes und der Ironie ausgetragen wurde. Die Väter wurden von den jungen Leuten nicht offen kritisiert, sondern im Kreis der Clique karikiert. Ansatzpunkt der Ironisierungen war meist die demonstrative Betroffenheit der Väter oder zuweilen auch der Mütter. Die erwachsene Welt führte zwar Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre ein sattsames, zufriedenes und meist politisch nicht (mehr) allzu bewegtes Leben. Aber hinter der Kohlschen Aussitzgefälligkeit wogten ständig die Wellen der Empörung, des Mitleids, des Weltschmerzes. Über alles schienen sich diese Erwachsenen erregen zu können: über die Zerstörung der Umwelt, über Die Jugendlichen in den neunziger Jahren setzten sich auf subtile Weise mit ihren Eltern auseinander.

Author Stephan Grünewald Isbn 9783593379265 File size 5MB Year 2006 Pages 234 Language German File format PDF Category Economics Book Description: FacebookTwitterGoogle+TumblrDiggMySpaceShare Politiker, Soziologen und Ökonomen haben sich in der jüngsten Vergangenheit zur Lage der Nation geäußert. Doch niemand hat bislang den einzelnen Menschen und die Gesellschaft gleichermaßen in den Blick genommen und übergreifende Zusammenhänge untersucht. Stephan Grünewald, Mitbegründer und Geschäftsführer des renommierten rheingold-Instituts, zieht basierend auf jahrelanger Forschungsarbeit eine aufrüttelnde Bilanz: Die Deutschen fühlen sich überdreht und erstarrt zugleich. Grünewald nennt die Gründe persönlicher Unzufriedenheit und gesellschaftlichen Stillstands. Seine Analyse ermöglicht, sich selbst und die Gesellschaft besser zu verstehen. Er macht Mut, sich aus Lethargie, Visionslosigkeit und sinnloser Betriebsamkeit zu befreien.     Download (5MB) Die Ukraine – Machtvakuum Zwischen Russland Und Der Europäischen Union (auflage: 2) Von Rettern Und Rebellen: Ein Blick Hinter Die Kulissen Unserer Demokratie Ändere Die Welt!: Warum Wir Die Kannibalische Weltordnung Stürzen Müssen Reich Und Arm: Die Wachsende Ungleichheit In Unserer Gesellschaft Der Große Beutezug: Chinas Stille Armee Erobert Den Westen Load more posts

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